Jason - Ein Aussie erwacht
Jason will und darf bleiben
Diese Überschrift trifft tatsächlich voll und ganz zu. Doch urteilt am besten selbst. Als erstes hatten wir Jasons Ernährung von TroFu auf Nassfutter umgestellt. Mal davon abgesehen, dass Jason von dieser Umstellung sichtlich begeistert war, so half uns diese Umstellung seine deutlich zu hohe Stuhlfrequenz von 7 bis 8 Kotabsätze pro Tag auf ein gesundes Maß zu reduzieren. Natürlich hatten wir in den kommenden Wochen sein Verdauungssystem in verschiedene Richtungen „ausgelotet“, doch schon bald war offensichtlich geworden, dass sein Leben auch hier deutliche Spuren hinterlassen hatte. Wie dem auch sei, schon bald hatten wir seine Ernährung auf seine individuellen Bedürfnisse eingestellt. Man konnte regelrecht zusehen, wie er in jeglicher Hinsicht regelrecht aufblühte. Gerne erinnere ich mich an unsere Streifzüge durchs Gelände auf Harrys Pfaden. Mit Hingabe sog Jason seine neue Welt regelrecht ein. Ob im Gelände oder auch im Ort, Jason erwies sich an der Leine als der unkomplizierteste Hund der Welt. Nichts schien unseren Australian Shepherd auch nur ansatzweise aus der Ruhe bringen zu können. Doch da gab es eine ganz besondere Begebenheit, von der ich Euch berichten will. Da gab es diesen Augenblick, als wir aus dem Wald heraustraten und die weiten Wiesen oberhalb der Wiesenfesthalle vor uns lagen. Schlagartig hielt Jason inne. Dann neigte sich der Kopf zur Seite. Ich befand mich zwar hinter ihm, am anderen Ende der 10m-Schleppleine, doch ich konnte regelrecht „sehen“, wie seine blauen Augen angesichts dieses Panoramas gerade sehr groß wurden. Nur allzu gerne hätte ich ihm Leine-frei gegeben. Doch da gab es diesen einen Passus in den Vereinbarungen zur Probewoche. Im Gelände war es untersagt, den Hund von der Leine zu lassen. Und eben diesen Passus gab es nicht aus Jux und Tollerei. Ein Wort war und ist nun einmal ein Wort, zumindest noch zu Zeiten meiner Generation. Doch ungeachtet der Leine hatten wir dennoch jede Menge Spaß auf dem Weg hoch zum Wasserspeicher. Das Gleiche galt natürlich auch für den Heimweg. Was für ein toller Hund uns doch da anvertraut worden war. Und dieser Hund war derart auf seine Menschen fixiert, wie wir es noch nie zuvor erlebt hatten. Und dieser alte Knabe sollte tatsächlich 12 Lenze auf dem Buckel haben?

Dann war es so weit – der Tag der Entscheidung war gekommen. Für den Nachmittag hatte sich die Chefin des Tierheims angekündigt. Natürlich waren wir etwas nervös gewesen, zumal wir unseren Langhaarigen längst ins Herz geschlossen hatten. Diese Emotionen waren Jason natürlich nicht verborgen geblieben, und so lag auch für ihn auf der Pfote, dass etwas im Busch sein musste. Es war offensichtlich, dass Jason selbst in Anbetracht der Kürze unserer gemeinsamen Zeit, bereits im Begriff stand, sich seinen Menschen anzuschließen. Bei ihm handelte es sich zweifellos um ein recht neugieriges Kerlchen. Sobald es beispielsweise an der Tür klingelte, war er stets beim Öffnen mit dabei. Leise und zurückhaltend, doch immer an der Seite seiner Menschen. So auch an diesem Nachmittag. Kurz nachdem es geklingelt hatte, hatte ich auch schon die Tür geöffnet. Wie gehabt, hatte mich Jason zur Tür begleitet, und auch Anja kam dazu. „Rate mal, wer zum Essen kommt?“ Wie erwartet, war es die Chefin gewesen. Dann geschah etwas, was ich, rückblickend betrachtet, kurz und knapp mit den Worten „Alea iacta est!“ beschreiben würde. „Der Würfel ist geworfen worden!“ Wir waren gerade dabei, die Tierschützerin zu begrüßen, als Jason direkt kehrtmachte und hinter Anja und mir Schutz zu suchen schien. Es sah regelrecht so aus, als würde er versuchen, sich hinter uns vor der Tierschützerin verstecken. Denn diese hatte er mit Sicherheit sofort erkannt und natürlich mit dem Tierheim verknüpft. Diese Reaktion war eindeutig gewesen und lies keinerlei Raum für Spekulation zu. Die Antwort der Heimleiterin brachte es auf den Punkt:
„Das ist genau die Reaktion, welche ich sehen wollte!“
Dabei strahlte sie über das ganze Gesicht. Doch irgendetwas schien sie dennoch zu bedrücken. Also nahmen wir am Esstisch im Wohnzimmer Platz und boten ihr erst einmal etwas zu trinken an. Sie nahm dankend an, und danach kamen wir zum eigentlichen Grund ihres Besuchs. Natürlich gab es von unserer Seite aus nur Gutes zu berichten. Auch war ihr aufgefallen, dass Jason bereits nach so kurzer Zeit deutlich besser aussah als am Tag der Übergabe zur Probewoche. Doch Jason sollte noch einen drauf legen. Nachdem er sich erst einmal in „sicherer Entfernung“ auf dem Berber abgelegt hatte, kam er nun heran getrabt, um sich für alle sichtbar, fest an Anja zu drücken. Tja, der Gute hatte sich nicht erst gestern für sein neues Zuhause entschieden. Meinen Kommentar angesichts dieser Zuneigungsbekundung, dass wir ihn eh nicht mehr hergeben würden, entgegnete die Tierschutzerin allerdings:
| „Warten Sie bitte ab, denn da gibt es noch etwas, dass Sie unbedingt wissen müssen, bevor Sie eine Entscheidung treffen!“ |
Dann ließ sie die Bombe platzen. Jason war uns als 10 bis 12-jähriger Shepherd vorgestellt worden. Nach Durchsicht seiner Unterlagen stand fest, dass Jason bereits 14 Jahre alt gewesen war. Die Tierschützer wussten, dass wir erst vor Kurzem unseren Harry verloren hatten. Dass wir mit einem 10-jährigen Nachfolger durchaus leben konnten, verstand sich von selbst. Doch würden wir uns angesichts unseres erst vor Kurzem erlittenen Verlustes tatsächlich auf einen 14-jährigen Hund einlassen? Natürlich würden wir das. Jason hatte bereits nach so kurzer Zeit einen engen Bezug zu seinem neuen Heim, vor allem aber auch zu seinen Menschen aufgebaut. Nachdem man ihn zuvor schon um sein Leben betrogen hatte, so würde er nie und nimmer das verlieren, was ihm bereits nach so kurzer Zeit lieb geworden war. Jason würde bis an das Ende seiner Tage unter unserer Obhut bleiben! Weiterhin verzichteten wir auf die angebotene Minderung der Schutzgebühr, bedingt durch die neuen Gegebenheiten, in Gänze. Alles sollte genau so bleiben, wie es eine Woche zuvor vereinbart worden war. Wie dem auch sei, an diesem Nachmittag war es getan. Der Schutzvertrag war unterschrieben und die Tierschützerin konnte uns mit gutem Gewissen verlassen. Der alte Jason hatte seine Menschen gefunden. Ich glaube, dass dieser brave Kerl heilfroh gewesen war, als sich unsere Eingangstür hinter der Tierschützerin wieder geschlossen hatte. Danach war erst einmal gepflegtes „Morgel-Raufen-Kuscheln“ angesagt. Jason stand einfach darauf. Erneut hatte ein „Besonderer Hund“ den Weg in unsere Mitte gefunden.

Hinterhof-Tierheim-Welt-Endlich Aussie sein
Wie bereits erwähnt, war Jasons Grundgehorsam schlichtweg perfekt gewesen. Um ein neues Kommando oder einen Trick zu erlernen, bedurfte es in der Regel nicht mehr als zwei Tage. Danach hatte er es drauf. Außer Haus wich uns Jason schon bald nicht mehr von der Seite. Beim Besuch eines Spaß-Turniers bei den „Grauen Pfoten“ in St. Leon-Rot trafen wir uns endlich auch mal wieder mit meiner Schwester nebst deren beiden Hunden Jack und Ivi. Sie brannte schon seit geraumer Zeit darauf, Jason endlich kennenzulernen. Dass sich die Hunde auf Anhieb verstanden, verstand sich von selbst.

Und dennoch konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, als hätte der alte Jason im Grunde eigentlich nicht das Geringste mit seinen Artgenossen am Hut. Ein Eindruck, welcher sich im Laufe der kommenden Monate durchaus erhärten sollte. Doch hier bei dem Spaß-Turnier war Agility angesagt. Bereits im Vorfeld dieser Veranstaltung hatten wir mit einer Trainerin vereinbart, dass sie mit Jason, natürlich mit Rücksicht auf sein Alter, mal über einen Parkour „schlendern“ durfte. Was soll ich sagen, Jason hatte sie mit seiner Performance voll und ganz beeindruckt. Mit regelrecht erschreckender Geschwindigkeit verstand Jason an den jeweiligen Hindernissen, was von ihm verlangt wurde. Beinahe spielerisch löste er so die Aufgaben und hatte unverkennbar seinen Spaß dabei.

Oder auch mal

Als sie uns Jason wieder zurückbrachte, sagte dieser Satz wohl mehr als tausend Worte: „Ein ganz toller Hund, Euer Jason! Wenn er nur nicht schon so alt wäre, doch das wäre ein Hund gewesen, mit dem ich liebend gerne gearbeitet hätte!“ Damit ließen wir es dann auch bewenden, denn unterm Strich war das durchaus ein recht anstrengender Tag für unseren Hundemann gewesen.
Fest steht, dass Jason an diesem Tag seinen Spaß hatte und alleine darum ging es. Er wollte arbeiten, er wollte lernen, dass signalisierte er uns jeden Tag unmissverständlich aufs Neue. Und wie die Tage zuvor hatte er erneut allen vor Augen geführt, welches Potenzial unverändert in ihm steckte. Ihm, dem vierzehnjährigen Aussie-Rüden der Arbeitslinie. Die Erkenntnis, dass es diesem Hund in der Zeit vor unserer Übernahme strikt verwehrt worden war, sich, seiner Rasse und Linie entsprechend, entfalten und entwickeln zu können, trieb mir regelrecht einen Pfahl ins Herz. Doch wie sich schon wenige Wochen später offenbaren sollte, hatte man ihm mit dieser fatalen Haltung noch weit Schlimmeres angetan.
Mit großen blauen Augen die weite Welt entdecken
Hüte- und Jagdverhalten liegen im Grundsatz eng beieinander. Seinen Jagdtrieb, welcher üblicherweise im Wesen eines Hütehundes in Richtung Verfolgung und Treiben durchaus ausgeprägt vorhanden ist, schien er allerdings vollkommen vergessen zu haben. Ein Umstand, welcher möglicherweise seinem Alter geschuldet war. Es kann schon durchaus von Vorteil sein, wenn die ganze Aufmerksamkeit des Hundes seinen Menschen gilt.
Ein Ereignis darf natürlich nicht fehlen. Der Frühling hatte vor geraumer Zeit Einzug gehalten und die weiten Wiesen unten an der Alb standen in voller Blüte. Auch das Gras war mittlerweile recht hoch geworden. Für die Mittagsrunde hatte sich Anja vorgenommen, Jason mal an der Alb laufen zu lassen. Nachdem man die Kochmühle passiert und die Brücke überquert hat, gibt es linker Hand einen kleinen Platz, wo man sein Auto abstellen kann. Von dort aus kommt man auf einen kleinen Pfad, welcher über die Wiese zum Wehr führt. Anja hatte gerade auf diesen Pfad eingeschwenkt, als Jason schlagartig stehen blieb und anfing zu fiepen. Dabei, so erzählte sie mir, wurde Jason zunehmend „sonderbarer“. Also löste sie mal die Leine. Von der Führhilfe befreit gab es für Jason von jetzt auf gleich kein Halten mehr. Wie von Sinnen zog er seine weiten Bahnen durch das hohe Gras. Dass er sich dabei mehrfach regelrecht überschlagen hatte, schien ihm erst Recht einen Heidenspaß bereitet zu haben. Eben noch alle Viere strampelnd in die Höhe gestreckt, kurz darauf schon wieder im nächsten Blumenmeer eingetaucht. Für Anja hatte es regelrecht den Anschein, als hätte Jason sein ganzes Leben auf genau diesen Augenblick gewartet – mit Schmackes über die saftigen Wiesen an der Alb zu ballern. Ich konnte mir Anjas Schilderung beinahe plastisch vorstellen. Am darauffolgenden Samstag durfte ich dieses Schauspiel dann endlich selbst einmal mit eigenen Augen bewundern. In Momenten wie diesen hatten wir ohne Zweifel den glücklichsten Hund der Welt an unserer Seite. Erneut fiel es ungemein schwer, sich vorzustellen, dass dieser lachende Hund da vorne, welcher sich gerade voller Inbrunst auf der Wiese wälzte, bereits vierzehn Jahre auf dem Buckel haben sollte.

Bereits nach wenigen Tagen nach seiner Übernahme konnten wir die Leinen getrost wieder wegpacken, denn dieser aufmerksame Geselle musste eigentlich nur in ganz wenigen Ausnahmesituationen tatsächlich „angeleitet“ werden. Seine Kommunikation mit uns beiden in und außerhalb unserer vier Wände war seinerseits schlichtweg perfekt. Die Kombination aus seiner Lern- und Interpretationsfähigkeit unserer Signale in Kombination mit dem Umstand, dass er unterwegs nahezu ohne Unterlass Kontakt zu uns, seinen Menschen hielt, machte ihn nun eben zur personifizierten Unkompliziertheit auf vier Pfoten. Ablenkungen wie beispielsweise bellende Artgenossen, ja, selbst Wildwechsel, wurden von ihm vollständig ausgeblendet. Im Gegensatz zu draußen genoss er zu Hause dann doch seine „Ruhephasen“. Wobei ich zugeben muss, dass er auch hier stets die Nähe seiner Menschen suchte. Ha, in diesem Zusammenhang fällt mich doch das Weihnachtsfest ein, welches wir bei meinen Eltern in Mannheim verbracht hatten. Nachdem er dort aufs Minimalistischste meine Eltern begrüßt hatte, wurden diese fortan seinerseits nahezu vollständig ignoriert, obwohl sie doch gerne mit ihm in Kontakt getreten wären. Da half selbst deren lange Hundeerfahrung nix. Vor allem war ihnen aber aufgefallen, wie sehr Jason an uns, insbesondere aber auch an Anja hing. Das war eben unser Jason.
Es waren glückliche Tage gewesen, und es tat ungemein gut miterleben zu dürfen, wie sehr sich das einstige Heimkind bereits nach wenigen Wochen doch entwickelt hatte.
Fluch der Vergangenheit
Anfang Sommer wurde Jason schließlich von seiner Vergangenheit eingeholt. An einem warmen Sommertag brach er während seiner Mittagsrunde mit Anja einfach zusammen. Noch wenige Augenblicke zuvor war er bestens drauf gewesen. Er wurde nahtlos in die nahe Tierklinik gebracht. Nach der Eingangsuntersuchung mit dem Stethoskop wurde direkt eine Echo-Kardiografie des Herzens veranlasst. Das Ergebnis dieser Untersuchung war niederschmetternd. Zum Einen wurden an Jasons Herzen zwei kleinere altersbedingte Probleme festgestellt. Doch die waren nicht das Problem gewesen. Denn die Diagnose wies zudem auf einen schweren Herzfehler hin. Und dieser Schaden war nicht erst gestern entstanden. Aus der Art und dem Grad der Schädigung des Herzens folgerten die Ärzte, dass diese Erkrankung bereits viele Jahre zuvor ihren Anfang genommen hatte. Eine Erkenntnis, mit welcher allerdings niemandem geholfen war. Da sich in der Lunge bereits Wasser angesammelt hatte, galt es zwingend, einer möglichen Lungenstauung vorzubeugen. Nach der ersten Intervention vor Ort sollte die Therapie mit Entwässerungstabletten weitergeführt werden. Weiterhin bekam Jason Herzmedikamente zur Dauertherapie verordnet. Doch vor allem war nun Schonung angesagt. Was das für einen Hund bedeutete, welcher gerade damit begonnen hatte, das Leben neu zu entdecken, kann man sich in etwa vorstellen. Es verstand sich von selbst, dass Jason fortan engmaschig medizinisch überwacht werden musste, zumal stete Infarktgefahr bestand. Jasons Lebenserwartung unter dem Aspekt der Lebensqualität war absehbar. Eine OP war aufgrund seines Alters und des mit dem Herzfehler einhergehenden Risikos seitens der Ärzte vollkommen ausgeschlossen gewesen.

Alles, was wir tun konnten, bestand, neben der kontrollierten medizinischen Therapie und Schonung, darin, den tapferen kleinen Mann mit Argusaugen zu beobachten und ihm die Lebensqualität zu bieten, welche ihm in seinem bisherigen Leben verwehrt worden war. Und dieser kleine Kerl hatte zweifelsohne jede Menge Nachholbedarf. Also aufstehen, Mund abputzen und den Blick nach vorne richten! Denn letztendlich hätte es noch viel schlimmer kommen können. So oder so, unser gemeinsames Abenteuer hatte gerade erst begonnen. Nur die Spielregeln waren etwas verschärft worden.