Der gebrauchte Hund

Zum Gedenken an Harry und Jason

Jason - Ein Aussie erwacht

An der Pforte zur Regenbogenbrücke

So es tatsächlich so etwas wie ein „allmächtiges Überwesen“ geben sollte, nun, so besitzt dieses ohne Zweifel seinen ganz eigenen Sinn von Humor. Am 5. Januar im „Jahre des Herrn“ 2016 schlug die Vorsehung erneut zu. Am Tag zuvor war Jason noch bestens drauf gewesen. Auf unserer Mittagsrunde waren wir zur Hetzelquelle, westlich des Kurparks, gelaufen. Auf dem Rückweg waren wir im Kurpark auf ein paar Wanderer getroffen, welche von Jason recht angetan waren. Also gingen wir ein Stück gemeinsam. Seine Art, sich ohne Leine an unserer Seite zu bewegen sowie sein präziser Gehorsam selbst über größere Distanz, hinterließ Eindruck. Und Jason schien diese Emotionen der Fremden regelrecht zu lesen und gab dementsprechend sein Bestes. Seine gute Laune stand ihm dabei ins Gesicht geschrieben. Es war ein rundum guter Tag gewesen.

Jason - Kurpark
04. Januar 2016 - Jason der Menschenversteher

Am Mittag des 5. Januar kam Jason im Wohnzimmer torkelnd auf mich zu und hielt den Kopf auffallend schräg. Was war mit seinen Augen los? Diese bewegten sich mit unglaublicher Geschwindigkeit von links nach rechts. Dann verlor er schlagartig den Halt und fiel hin. Kurz darauf erbrach er sich. Seine Versuche, sich aufzurichten, scheiterten kläglich. Mir riss es regelrecht das Herz aus der Brust, ihn so zu sehen. Nach einer Schrecksekunde half ich ihm auf die Beine, doch sobald ich ihn losließ, fiel er direkt wieder um. Kurze Zeit später setzte er auch noch Kot ab und urinierte sich obendrein auch noch ein. Es war dem armen Kerl anzusehen, dass er nicht ansatzweise wusste, wie ihm geschah. Nur gut, dass wir noch Urlaub hatten, und in dieser finsteren Stunde unserem Jason beistehen konnten. Und so nahm ich ihn an mich und versuchte ihn zu beruhigen. Er war nicht mehr in der Lage, zu stehen oder gar zu gehen. Natürlich hatte ihn Panik ergriffen. Irgendwie gelang es mir doch, ihn ein klein wenig zu beruhigen. Ehrlich gesagt, gingen wir angesichts der Symptome vom Schlimmsten aus. In der Tierklinik gab es dann die erhoffte Entwarnung. Jason war von einem horizontalen Nystagmus heimgesucht worden. Die Mediziner gingen davon aus, dass eine kurzzeitige Durchblutungsstörung seines Gleichgewichtsorgans diesen Nystagmus ausgelöst hatte. Zur Stabilisierung des Kreislaufs bekam er dort direkt eine Infusion gesetzt. Zudem wurden ihm Beruhigungsmittel sowie Mittel gegen den Brechreiz verabreicht. Wieder zu Hause, wurde die Therapie weitergeführt. Und ja, wir wichen ihm nicht mehr von der Seite. Es war offensichtlich, dass ihm unsere Nähe guttat. Ich weiß nicht mehr, wie oft er uns noch in die Wohnung „gemacht“ hatte. Doch was solls, es ging einzig und alleine darum, dass er wieder auf die Beine kam. Weiterhin mussten wir ihn noch ein paar weitere Tage füttern. Wieder einmal war er von dem „guten Hirten“ verraten worden. Nicht genug damit, dass man diesen tapferen Kämpen um sein Leben betrogen hatte, nein, nachdem er ein dreiviertel Jahr unter unserer Obhut endlich mal das Leben kosten durfte, bekam er prompt auch schon wieder „eingeschenkt“. Wie dem auch sei, nach wenigen Tagen ließ der Nystagmus langsam aber stetig nach. Was waren wir froh, als er endlich wieder stehen konnte. Danach galt es für ihn, das Laufen wieder zu erlernen. Anfangs zwar noch auf recht wackeligen Beinen, doch es wurde zusehends besser. Vier Wochen nach Ausbruch des Nystagmus war schließlich auch die Schiefhaltung seines Kopfes gewichen. Langsam trat wieder Normalität in unser Leben ein. Und auch wenn es so wirkte, dass Jason wieder ganz der Alte zu sein schien, so war er es doch nicht wirklich gewesen. Ein Blick in sein Gesicht war Indiz genug dafür, dass ihm der Nystagmus gehörig zugesetzt hatte. Jason war sichtlich gealtert.

Pfote eines Hundes

Die routinemäßige Herzschall-Untersuchung im März war ein Schock für uns alle gewesen. Die Wirkung der Medikamente hatte nachgelassen und in den Lungen war Wasser nachzuweisen. Auch der Zustand seines Herzens hatte sich deutlich verschlechtert. Jasons unbändiger Lebensfreude tat das allerdings keinerlei Abbruch. Sicher, er war schon etwas ruhiger geworden, doch er bestand unverändert darauf, gefordert zu werden. Auch seine Aufmerksamkeit hatte gleichfalls nicht ein Fitzelchen nachgelassen.

Ungeachtet dessen, dass Jasons Therapie seinem Gesundheitszustand angepasst worden war, so war nicht zu übersehen, dass es ihm zusehends schlechter ging. Also gingen wir in den „Voll-Schonungs-Modus“ über. Da ihm im wahrsten Sinne des Wortes die Luft zu fehlen schien, wurden unsere Gassi-Runden so kurz als möglich gehalten. Die Treppen wurde er ebenfalls hinaufgetragen. Unser Credo lautete schlichtweg: „Körperliche Anstrengung auf alle Fälle vermeiden!“ Das Schlimmste bestand dabei in dem Umstand, dass er im Kopf unverändert vollkommen klar und hellwach gewesen war. Auch wenn er stets aufs Neue unbedingt wollte, so konnte er einfach nicht mehr. Sein Körper ließ ihn im Stich. Als ihn dann auch noch gelegentlich die Kraft verließ, hatten wir verstanden, wohin die Reise ging. Doch ungeachtet dessen war stets aufs Neue offensichtlich, dass der tapfere Kämpe noch lange nicht bereit war, zu gehen. Eine Einschätzung, welche auch von unserem Tierarzt bestätigt wurde. Doch sobald offensichtlich werden würde, dass er litt, würden wir ihm die Entscheidung abnehmen, selbst wenn es uns das Herz brechen würde.

Pfote eines Hundes

Doch das Schicksal hatte längst über den braven Jason gerichtet. Am Nachmittag des 19. April wurde für Jason die Pforte der Regenbogenbrücke geöffnet. Es war ein warmer und sonniger Tag gewesen. Nachdem ich Jason die Außentreppe heruntergetragen hatte, schlenderten wir in aller Ruhe in Richtung Wald. Dort trafen wir auf eine Nachbarin, von welcher sich Jasel direkt sein Leckerli abholte. Dann ging es auch schon wieder in Richtung Zuhause. Am Rande des „Wegs zum Wald“ brach Jason dann nahe dem Eingang zu unserer Wohnanlage zusammen. Er kam nicht mehr aus eigener Kraft auf die Beine. Mein Versuch, ihn dabei zu unterstützen, wurde von ihm unmissverständlich zurückgewiesen. Kurze Zeit später hatte Jasons Herz dann aufgehört zu schlagen. Dieser brave und tapfere Kämpe, welchen man regelrecht um sein Leben betrogen hatte, war in meinen Armen gestorben. Ich muss an dieser Stelle noch unserer Nachbarin „Biene“ danken, welche zu uns gestoßen war um uns in dieser finsteren Stunde beizustehen, aus tiefstem Herzen danken! Denn ich weiß, dass sie dieses Ereignis ebenfalls ordentlich mitgenommen hat.

Pfote eines Hundes
Im Gedenken an Harry und Jason

Im Gedenken

Auch wenn es nur ein gemeinsames Jahr gewesen war, so hat auch dieses Jahr unser Leben geprägt und bereichert. Es ist ein Trost, zu wissen, dass Jason noch einmal „aufblühen“ durfte und seinen lang ersehnten Familienanschluss bekommen hat. Dennoch überwiegt der Schmerz über den Verlust eines weiteren Familienmitglieds. Aber wie dem auch sei - um nichts in der Welt würden Anja und ich dieses Jahr an der Seite dieses liebenswerten chaotischen Oldies missen wollen.

Bilder sagen mehr als tausend schöne Worte - genau so werden wir unseren Jasel bis zum Jüngsten Tag in Erinnerung halten:

Flying-Jasel

Flying-Jasel

Flying-Jasel

Flying-Jasel

Flying-Jasel

Flying-Jasel

Flying-Jasel

Flying-Jasel

Pfote eines Hundes

Zum Nachdenken

Doch da war noch etwas geschehen, was ich bis zu heutigen Tag nicht vergessen habe. Nebenbei bemerkt einer der zahlreichen Gründe, warum ich bis zum heutigen Tag gegenüber diesen sportiven Yuppies eine äußerst kurze Zündschnur besitze. Und dabei bin ich mir durchaus darüber bewusst, dass es überall solche und solche gibt. Bei dem „Weg zum Wald“ handelt es sich um einen gepflasterten Weg, welcher von der Esternaystrasse zum Waldrand führt. Er endet in einem „T“, welches links in Richtung „Kirchweg“, und rechts zur Wiesenfesthalle führt. Gerade als ich den Ernst der Lage erkannt hatte, kam vom Wald her ein sportiver Yuppie in gelb-schwarzem Leibchen, Plastikmütze und cooler Sonnenbrille auf seinem Sportgerät herangebrettert. Jason lag zur Hälfte noch auf dem Weg und ich kniete direkt neben ihm. Ich hatte diesen Spacken kurz aus dem Augenwinkel heraus registriert. Für mich zu jenem Augenblick nichts von Bedeutung, denn in diesem Augenblick bestand mein Universum einzig und alleine aus meinem sterbenden Jason. Luftzug, das Vibrieren der Pflastersteine und Fahrgeräusche nebst Schnaufen kündeten unverkennbar davon, dass dieser Spinner, ohne auch nur ansatzweise Fahrt herauszunehmen, direkt auf dem schmalen freien Streifen zwischen dem Kiesbett des Nachbargrundstücks und uns hinter meinem Rücken vorbeigedonnert war. Doch damit nicht genug. Einen dummen Spruch gab es obendrauf. Meine, der Situation geschuldeten Antwort, hatte diesen bunten Knallfrosch offensichtlich erreicht. Kurz vor dem Erreichen der Straße war das Sportgerät tatsächlich zum Stehen gekommen und ich wurde mit Yuppie-Gefasel und einem bösen Blick bedacht. Nur gut, dass dieser Mensch, wie auch immer, den Ernst seiner Lage rechtzeitig erkannt hatte. Möglicherweise hatte er verstanden, dass er gerade in die Augen des intolerantesten Menschen der Welt, man könnte auch sagen „Wahnsinns Bruder“, blicken durfte. Das eine ist gewiss, lieber Leser, wäre in Jason zu jenem Augenblick kein Leben mehr gewesen, so wäre ich, geleitet von tiefster Trauer, Schmerz und unbändiger Wut gleich einer Bestie bar jeder Menschlichkeit über diesen armen Toren hergefallen. Wie dem auch sei, Männlein zog Leine und so widmete ich mich wieder meinem sterbenden Bruder. Wenige Minuten später trug ich seinen toten Körper ein letztes Mal die Außentreppe nach oben.

Pfote eines Hundes

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