Aggression und Jagdtrieb
Die natürliche Aggression (Sozialverhalten)
Aggressives Verhalten (lat. aggredi - Angreifen, in Angriff nehmen, darangehen) steht eng im Zusammenhang mit Angriffs-, Flucht- und Verteidigungsverhaltensweisen des Hundes. Geprägt auf die Sozialstruktur Rudel, ist der Hund auf die Kooperation in diesem hierarchischen System angewiesen, um seinen individuellen Nutzen (Erfolg z.B. Futteranteil) zu haben. Damit ist ein Konkurrenzverhalten unter den Individuen einer solchen Gruppe durchaus Normalität. Das Gleiche gilt auch uneingeschränkt für eine Gruppe, deren Indiduen nicht miteinander verwandt sind, wie beispielsweise eine Gruppe, bestehend aus Menschen und Hunden. Das diesbezüglich signifikanteste Verhalten von Wölfen und Hunden ist ein ausgeklügeltes Droh- und Kampfverhalten, welches gemeinsam mit dem Zusammenleben und Zusammenarbeiten der Individuen dieser Gruppe zur Wahrung einer sozialen Hierarchie führt.

Man kann dieses Droh- und Kampfverhalten durchaus als aggressive Kommunikation sehen. Allerdings ist der Kampf nur eine höhere Aggressionsstufe innerhalb dieser komplexen und ritualisierten Kommunikationsform. Stehen sich nun zwei streitbare Hunde gegenüber, so kommt es zuerst zum Austausch sogenannter Kommentkampfaktionen. Bei dieser ritualisierten Kampfform wird durch die Kontrahenten eine, für beide i.d.R. vorhersehbare und festgelegte, Abfolge von Verhaltensweisen eingesetzt. Ziel hierbei ist es, den Gegner aufgrund der Zurschaustellung der eigenen Kraft, des eigenen Status u. der Geschicklichkeit zu beeindrucken, ohne dass es zu Verletzungen kommt. Studien an wild lebenden Wölfen haben diesbezüglich die gängige These dass „Nur der Stärkste überlebt“ eindeutig widerlegt. Bereits die Evolution hat uns deutlich vorgeführt, dass langfristig stets nur die am besten angepassten (Umwelt, Konkurrenz) Arten überleben. Hinsichtlich des Aggressionsverhaltens von Wölfen, und demzufolge auch dem von Hunden, lässt sich hier nun eine einfache Brücke schlagen. Jede aktive Kampfhandlung bedeutet für alle beteiligten Tieren ein erhebliches Verletzungsrisiko sowie eine körperliche Schwächung. Daraus resultiert möglicherweise eine Gefährdung des gesamten Rudels. Wer jedoch die rituelle Darstellung einerseits von Kraft u. Überlegenheit, andererseits auch der Stressminderung und Beschwichtigung beherrscht, der erhält sich in logischer Konsequenz seine Kraft, Konstitution und körperliche Unversehrtheit, sowie seinen Rang mit den damit verbundenen Ressourcen. Bleibt jedoch eine Aktion ohne Erfolg (Gegner weiterhin unbeeindruckt), so kann der Kommentkampf in die höheren Stufen bis hin zum Beschädigungskampf eskalieren, was jedoch von zahlreichen Faktoren abhängig ist (z. B. Motivation-, aktuelle Physis und Psyche-, Charakter der beteiligten Individuen und so manches mehr).
Wie bereits erwähnt, beinhaltet dieses aggressive Kommunikationsritual ebenfalls Verhaltensweisen, welche dem Stressabbau des Individuums bzw. der Beschwichtigung des als überlegen anerkannten Gegners dienen. Grundsätzlich führt der Hund in einer Bedrohungssituation (Stressreaktion des Körpers) eine stete Abwägung zwischen Sinn und Nutzen (z. B. Wertigkeit von Ressourcen wie z. B. Futter) relativ zum Risiko der eigenen körperlichen Schädigung durch einen eventuellen Kampf durch.
Machen wir uns unbedingt bewusst, das der Grad der Bedrohlichkeit einer x-beliebigen Situation, welchen der Hund dieser Situation zuordnet, nicht unbedingt unserer menschlichen Bedrohungsvermutung entspricht - wenn der Hund diese Situation aus seiner Sicht als bedrohlich bewertet (und das können nach unseren menschlichen Maßstäben völlig banale und harmlose Situationen sein), dann wird sein natürliche Aggressionsverhalten ausgelöst.
Gelebte Aggressive Kommunikation
Nun gut, auf schöne Theorie hier nun die Praxis aus dem nüchternen Alltag eines Hundehalters. Ich bin mir durchaus darüber bewusst, dass aggressive Kommunikation unter Hunden in den Augen unbedarfter Menschen durchaus recht martialisch wirkt, in etwa so, als wäre gleich Tag des Herrn angesagt. Damit spreche ich insbesondere Neulinge unter den Hundehaltern an, welche sich beispielsweise nicht ansatzweise mit dem Ausdrucksverhalten der Hunde befasst haben. Hier der Klassiker, welcher sich tatsächlich genau so abgespielt hat. Vielleicht kommen Situationen wie diese aber auch so manchem Besucher unserer Seiten irgendwie bekannt vor:
Wir befinden uns gerade auf unserer samstäglichen Mittagsrunde, da kommen Terry und mir auf unserem Waldpfad ein junges Paar nebst Freunden und Hund entgegen. Da mir weder Hund noch Menschen bekannt sind, rufe ich Terry heran und leine ihn mal für alle Fälle an. Da kommt uns doch tatsächlich ein pubertierender Halbstarker entgegen, welcher die junge Frau am anderen Ende der Leine regelrecht durch den Wald zerrt. Aus mehreren Mündern wird nun der Rabauke, ein junger Retriever, höflich gebeten, doch nicht so zu ziehen und stattdessen stehen zu bleiben. Dumm nur, dass der Halbstarke unverkennbar auf „Bedarfsschwerhörigkeit“ geschaltet hat und munter weiter seine Halterin in Richtung Terry zerrt. Auch die gefühlt weiteren zehn „Anweisungen“, na ja, eher Bitten, seitens des Pflugs auf zwei Beinen verhallen ungehört. Ein Blick auf mein Alterchen, und ich habe Gewissheit, dass für Terry die Messe bereits gelesen ist. Der sich frontal annähernde junge Wilde wird fixiert, der Schwanz als Sichel steil aufgerichtet, der Gang ist fest und sein gesamter Körper ist bereits „vorgespannt“. Das leise Brummen und das unmerkliche Hochziehen der Lefzen runden Distanzdrohen aus dem Lehrbuch ab. Die Botschaft ist klar: „Bleib auf Distanz und lass mich in Ruhe!“

Dass es bei den Entgegenkommenden nicht der Hundeführer ist, welcher den Ton angibt, sondern der Hund am anderen Ende der Leine, steht außer Frage! Um Distanz für die Passage herzustellen, habe ich mittlerweile Terry etwas beiseitegenommen und den Weg freigemacht. Nach nunmehr 10 Jahren an Terrys Seite bin ich gerade der tiefenentspannteste Hundeführer der Welt, was Terry natürlich nicht verborgen bleibt. Problemlos lässt er sich absetzen und ich bin endlich bereit, die Vorstellung zu genießen. Denn ich weiß, was kommen wird. Terrys Kommunikation lässt keine Fragen offen. Nachdem die jungen Leute endlich ihren Hund zum Stehen gebracht haben, folgt die Ernüchterung auf den Fuß. „Dürfen sich die beiden „Hallo“ sagen? Am besten ohne Leine, oder?“ Holla die Waldfee! Doch es soll noch besser kommen: „Ihr Hund freut sich doch auch!“ Aha, wo denn bitte? Ach so, Terry stand ja wieder und seine Rute, steil zur Sichel aufgestellt, bewegt sich tatsächlich. Keine Freude, sondern bestenfalls ein Ventil um Anspannung abzuleiten. Tja liebe Kinder, immer den Hund als Ganzes im Blick halten!
Natürlich darf der „Lieblingsspruch“ unbedarfter Hundeführer nicht fehlen: „Meiner macht nix, der ist nur etwas wild, aber doch ein ganz Lieber!“ Nun, Blümchenmalerei eingefleischter Hunde-Enthusiasten ist ja ganz nett, läuft aber gerade in unserem Fall vollkommen an der Realität vorbei. Wenn Ihr euch bereits auf Terrys Seiten umgesehen habt, habt Ihr in etwa eine Vorstellung davon, wie unser Männlein tickt. Hektische und aufdringliche Hunde konnte er noch nie ausstehen. Erst recht nicht, wenn er sein Gegenüber nicht kennt. Und wenn es sich dann bei diesem Hund auch noch um einen nicht kastrierten Rüden handelt, nun, dann ist Götterdämmerung angesagt. Alles in allem also genau der Boden, auf welchem wir uns gerade bewegen. Blenden wir nun die verklärt strahlenden Gesichter der jungen Leute mal aus und betreten die reale Welt. Terry ist mit seinem jungen Artgenossen längst in Dialog getreten und droht bereits auf Distanz. Allerdings wird seine Kommunikation vom jungen Wilden entweder nicht wahrgenommen, wovon ich allerdings nicht ausgehe, sondern wohl eher ignoriert. Ganz schön frech, der Jungspund, welcher, nebenbei gemerkt, immer näher an Terry herangelassen wird. Mein Rat, unter Wahrung der Individual-Distanz einfach zu passieren, wird schlichtweg ignoriert. Eigentlich ganz einfach, die jeweiligen Hundeführer bringen sich zwischen die Hunde, welche jeweils auf der „Fuß-Seite“ aneinander vorbeigeführt werden. Da sich beide Hundeführer zwischen den Hunden befindet, wird es für die Rabauken sogar mit dem Sichtkontakt zum Artgenossen schwierig. Fazit – eine tiefenentspannte Passage unter Wahrung der Distanz. Doch wer nicht hören will, muss sich halt auch mal erschrecken.
Blümchenmalerei vs. Realität
Da ich genau weiß, was gleich passieren wird, bin ich auch schon für alle Fälle vorbereitet. Schließlich bin ich mit den Bewegungsmustern meiner „Rübennase“ bestens vertraut. Und ja, auch mit seinen 12 Lenzen ist er immer noch verdammt schnell und wendig. Und er besitzt die Stur- und Kompromisslosigkeit sowie Beharrlichkeit des Terriers. Keine Sorge, da ich davon ausgehe, dass es sich bei dem jungen Wilden nicht um einen gefährlichen Hund handelt, wird letztendlich gar nichts passieren. Aber aggressive Kommunikation ist nicht unbedingt etwas für schreckhafte und sensible Stadtmenschen. Beide Hunde beschnüffeln sich frontal, und da ist keinerlei Funken Sympathie zu erkennen. Gerade als sich nun der unhöfliche Jungspund an Terry vorbeischieben möchte hat der Unterricht dann auch schon begonnen. Eine blitzschnelle kraftvolle und lautstark untermalte 180 Grad-Kehre bei weit aufgerissenem Maul, und schon bekommt der Retriever einen gehörigen „Rempler“ verpasst. Der direkt nachfolgende ebenfalls recht unsanfte Rempler verhindert, dass er sich aufrichten kann. Da er an der Leine nicht fliehen kann, beschwichtigt er umgehend recht lautstark. Sofort bricht Terry ab, und hält den Geläuterten knurrend mit seinen Blicken gefangen. Unverkennbar wurde sein Ansinnen vom jungen Wilden diesmal wahrgenommen, vor allem aber auch verstanden. Man könnte Terrys Aufforderung in etwa so formulieren (voll vermenschlicht): „Lass mich in Ruhe, komm mir bloß nicht zu nahe und verschwinde einfach!“ Danach ist die Lage bereinigt. Und kurz darauf haben sich die Gemüter entspannt. Ach ja, der weit aufgerissene Kiefer war Drohkulisse gewesen, sprich, für den Kontrahenten durchaus ein deutlicher Hinweis zur Bereitschaft, den aggressiven Komment weiter nach oben eskalieren zu lassen. Da haben sich die guten Leute aber ganz schön erschrocken. Doch verstanden haben sie eher weniger. Um etwas Licht in die Nebel deren Halbwissens zu bringen, erläutere ich ihnen in aller Kürze dass sie soeben einem Paradebeispiel artgerechter aggressiven Kommunikation unter Hunden beiwohnen durften. Terrys Distanzdrohen, der unmissverständliche Hinweis, seine Kreise keinesfalls zu stören, wurde ignoriert, ebenso wie sein Drohen mit Nachdruck bei leichtem Körperkontakt. Und so martialisch diese „Unterhaltung“ auch angemutet hatte, so hatte sie doch fernab einer gesteigerten Aggression, sprich, möglichen Beschädigung der Beteiligten stattgefunden.
Ich weiß nicht, ob diese Leute etwas aus dieser Begegnung mitgenommen haben. Wortfetzen wie „aggressiver“ oder „Hund“ waren mir nach dem Auseinandergehen durchaus nicht entgangen. Wie dem auch sei, ich wünschte mir zum Wohle deren Hundes, dass ihm Kontakt zu gleichaltrigen Artgenossen nicht verwehrt bleibt, um gerade in Sachen Kommunikation unter seinesgleichen den Feinschliff zu bekommen. Ungeachtet dessen, wird es für seine Menschen höchste Eisenbahn, sich endlich einmal mit etwas Hundekunde zu befassen. Ich will mir nicht ansatzweise ausmalen, was passieren wird, sollten sie mit ihrem leichtfertigen Verhalten tatsächlich einmal auf einen unsozialisierten und gefährlichen Hund treffen.
