Aggression und Jagdtrieb
Unsere Vorgehensweise gegen den Jagdtrieb
Abhandlungen über den Jagdtrieb unserer Haushunde gibt es zuhauf, sowohl online als auch in gedruckter Form. Zumal kann man sich jederzeit an einen erfahrenen Hundetrainer wenden. Daher an dieser Stelle ausschließlich Tipps aus eigener Erfahrung, welche bei unseren „Besonderen Hunden“ eben gegriffen haben.

Und man kennt durchaus Hundehalter, welche ein solches Verhalten mit der Argumentation „Da kann man eh nix machen, das ist halt seine Natur!“ schlichtweg akzeptieren. Mit der Natur haben diese Halter recht, allerdings mit der Akzeptanz des ausgelebten Triebes kann ich keinesfalls d’accord gehen. Doch am schlimmsten sind jene Halter, welche ihre Hunde nicht ansatzweise im Griff haben und diese dann auch noch auf Feld, Wald und Flur von der Leine lassen. Viel zu oft hört man von jagenden Hunden und deren Jagderfolg. Natürlich kann einem jeden einmal sein Hund, selbst wenn er einen vorzüglichen Gehorsam besitzt, mal ausbüchsen. Und ja, ich gehöre auch zu jenen Hundehaltern. Doch nach einem solchen Ereignis muss man eben konsequent daran arbeiten und dafür Sorge tragen, dass man in Zukunft eben nicht mehr von seinem Hund „übertölpelt“ wird.
Grundsätzlich gibt es da draußen eine eiserne Regel, welche jeder Hundeführer sich verinnerlichen sollte:
Regel Nr. 1
Stets auf dem Quivive sein!
Es versteht sich von selbst, dass man in offenem Gelände den Hund erst von der Leine lassen kann, wenn er einen zuverlässigen Grundgehorsam besitzt. In den vergangenen 20 Jahren habe ich da draußen nicht selten Hundeführer erleben dürfen, welche ihren Hunden lärmend, fluchend oder auch schon mal flehend hinterhergerannt sind, weil sie deren Aufmerksamkeit nicht ansatzweise binden konnten, sprich, keinen Zugriff besaßen. Leute, die Folgen solch törichter Handlungen können fatal für Hund und Mensch, nicht zuletzt auch Wild sein! Eben noch auf der Wiese getobt, danach auf der naheliegenden Straße vor ein Auto gelaufen. Also gilt ausnahmslos:
Regel Nr. 2
Ohne zuverlässigen Grundgehorsam gilt Leinenpflicht!
Und zu guter Letzt gibt es noch eine weitere essenzielle Regel. Selbst wenn es gelungen ist, den Jagdtrieb unserer Hunde recht zuverlässig in kontrollierte Bahnen zu lenken, so darf man keinesfalls ausblenden, dass wir von einem Urtrieb reden, welchen man eben nicht vollständig wegtrainieren kann! In unserem Fall heißt das nun, sobald unser Hund Witterung aufnimmt (Nase in die Luft nehmen), oder er gar vorsteht, dann greift unbedingt:
Regel Nr. 3
Ungeachtet allen Gehorsams anleinen!
Unsere 3 Rabauken Harry, Jason und Terry
Der gute alte Jason besaß vom ersten Tag an unter unserer Obhut keinen auffälligen Jagdtrieb. Hunde sind Individuen. Wir gingen davon aus, dass er mit seinen 14 Lenzen und seiner Lebenserfahrung schlichtweg andere Prioritäten im Leben gesetzt hatte. Jason war von Anbeginn dermaßen auf uns als Hundeführer fixiert, wie es eben einem Australian Shepherd der Arbeitslinie entspricht. Gerne erinnere ich mich an Situationen, in welchen ich Jason, natürlich ohne Leine, an der Leine tobenden Hunden mittels unmerklichster Sichtzeichen vorbeigeführt habe. Hey, um dem guten alten Jason ein Kommando beizubringen, bedurfte es maximal 2 Tage. Danach hatte er es zuverlässig drauf. Das ist die Arbeitslinie der Shepherds.

Kommen wir nun zu unseren beiden, vollkommen anders gestrickten Familienmitgliedern Harry und Terry. Die blitzschnelle und konsequente Reaktion des siebenjährigen Harrys auf Bewegungsreize war nahezu erschreckend. Eine Bewegung aus dem Augenwinkel heraus registriert und schon ging es zur Sache. Die Arbeit mit Harry war von Anbeginn an etwas ganz Besonderes gewesen. Letztendlich war es ein 24-Stunden-Job. Ein artgerechter, vor allem aber auch höflicher Umgang, war an der Tagesordnung gewesen. Er wurde gefördert und gefordert. Unsere Kommunikation verlief bidirektional. Aus unzähligen stressigen Alltagssituationen hatte er verinnerlicht, dass er uns vertrauen konnte. Wir haben ihn nach dem Prinzip der positiven Verstärkung trainiert. Seine innige Bindung insbesondere an mich, war ein Vertrauensbeweis gewesen, welcher angesichts seiner Vorgeschichte in der Hundewelt ihresgleichen sucht. Und von da an bekamen wir auch seinen Jagdtrieb unter Kontrolle. Harry hatte uns in der Tat gehörig auf die Probe gestellt.

Nehmen wir mal die Schleppleine. Im ersten halben Jahr war sie lediglich ein Hilfsmittel gewesen, um ihm an der Leine mehr Bewegungsfreiheit zu geben. Denn sein auffallend aggressives Verhalten gegenüber Fremden war nicht ohne gewesen. Ich entsinne mich noch daran, wie er mich mit meinen 84 Kilogramm bei Schnee und Glatteis mal an der 5 m Schleppleine locker von den Beinen geholt hatte, weil er sich mit seinen damals 37 Kilogramm Körpergewicht mit Schmackes in die Leine gestürzt hatte, um mit einer entgegenkommenden Passantin in aggressiven Dialog zu treten. Gelebte Physik der Kinematik. In diesem Fall hatte uns die „Schleppe“, wenn auch vollkommen falsch eingesetzt, einen wertvollen Dienst erwiesen. Später haben wir schließlich, nach dem Training der „Namensnennung“ mit dem Schleppleinentraining begonnen. Jedermann weiß, dass die „Schleppe“ nie unter Zug steht. Richtungswechsel, Bindung der Aufmerksamkeit, genau das Richtige für so ein hellwaches Köpfchen wie unseren vormaligen Kettenhund. Wie bereits erwähnt, so richtig gezielt hinsichtlich seines natürlichen Jagdtriebs zu arbeiten, haben wir eigentlich nur bedingt. Es war die Summe aus unserem intensiven Miteinander, welche seinen Jagdtrieb in den Hintergrund geschoben hat. War er noch zu Beginn angesichts jeglicher Bewegungsreize aus dem Dickicht direkt in die Leine gegangen, so nahm er nun Witterung auf und zeigte an. Direktes Lospreschen – Fehlanzeige! Für uns nun allemal Zeit genug, um ihn anzuleinen. Mit zunehmendem Alter rückte Harrys Jagdtrieb mehr und mehr in den Hintergrund. Dennoch, auf seine „Anzeigen“ konnte man sich auch im hohen Alter blind verlassen. Erstarrtes Wild im dunkelsten Dickicht – einfach nur der verlängerten Geraden seiner Ausrichtung folgen. Und bevor ich es vergesse, selbstredend gab es für jedes Anzeigen eine ordentliche Belohnung für den Scout.

Auch bei Terry galt zuerst einmal die Prämisse – erst Grundgehorsam, dann sukzessive Leine frei. Während Anja bereits von Anbeginn an einen Zugang zu ihm gefunden hatte, musste ich mir, als Mann, erst einmal sein Vertrauen verdienen. Noch einmal zur Erinnerung – zum Zeitpunkt der Übergabe zeichnete sich Terry insbesondere durch sein gesteigertes aggressives Verhalten speziell gegenüber Männern aus. Hieß im Klartext nichts anderes, als dass Terry und ich erst einmal über intensive und zielgerichtete Arbeit zueinanderfinden mussten. Wie Ihr wisst, haben wir diese Herausforderung gemeistert, mehr noch. Doch mehr dazu auf Terrys Seiten. Der Jagdtrieb unseres Terrier-Jagdhund-Mix unterschied sich nur allzu deutlich von Harrys Jagdtrieb. Ohne Zweifel hätte Terry einen gestellten Hasen nicht zum Spiel aufgefordert, sondern er hätte die Hatz, ohne zu zögern, blutig beendet. Aber wen wundert es, seiner Rasse entsprechend war er unterm Strich für die Jagd gezüchtet worden. Und er besaß und besitzt selbst im zarten Alter von 13 Jahren unverändert eine Leidenschaft – die Mäusejagd. Und nein, ich rede hier nicht von ein bisschen „Buddeln“. Blitzschnell und wendig reagiert er auch heute noch auf sich bewegende Mäuse mit Beharrlichkeit und Konsequenz eines Terriers. Nicht auf Eidechsen, Schlangen, Kröten und Frösche – nein, ausschließlich auf Mäuse. In der Hundegemeinde von Etzenrot ist er daher schon lange als der „Mäuse-Junkie“ unterwegs. Die Mäuse-Jagd endet ausnahmslos tödlich. Es sei denn, dass seine Beute seinen Zugriffen entkommen kann. Allerdings darf er am Mäuseloch nicht „Buddeln“.

Mit den Jahren ist es uns gelungen, Terrys Jagdtrieb in kontrollierbare Bahnen zu lenken, von der Jagd auf Mäuse einmal abgesehen. Terrys positive Veränderungen in nahezu allen Bereichen hatte selbst seine ehemaligen Pfleger im Tierheim verblüfft. Terry wurde nach dem Prinzip der positiven Verstärkung trainiert. Da wir uns täglich im Wald bewegen, gab es zahlreiche Gelegenheiten, mit ihm im Angesicht von Niederwild zu üben. Allerdings hat es uns Terry auch recht leicht gemacht. Denn sobald er beispielsweise erstarrtes Wild entdeckt hat, setzt er nicht blind zur Hatz an, sondern steht vor. Gelegentlich zieht er auch noch mal nach, und spätestens zu diesem Zeitpunkt zeigt er uns regelrecht die Waldbewohner. Dabei setzt er nicht zur Hatz an, sondern lässt sich problemlos abrufen und an die Leine nehmen. Dass er dafür natürlich gepflegt belohnt wird, steht außer Frage. Aber auch wenn er seine Nase in die Luft hebt und Witterung aufnimmt, kommt er in aller Ruhe an die Leine und wird belohnt. Zudem bin ich davon überzeugt, dass die Mäusejagd ebenfalls einen gewichtigen Faktor bei der Kanalisation seines Jagdtriebs spielt.
Sotele, liebe Besucher, damit beende ich unseren Ausflug in die natürliche Aggression unserer Hunde und deren angeborenen Jagdtrieb. Ich hoffe, dass vielleicht die ein- oder andere Information Euch bei der Arbeit mit Euren Hunden etwas weiterhelfen konnte. Dabei muss es sich natürlich nicht zwingend um einen „Besonderen Hund“ handeln, sprich, einen verhaltensauffälligen Hund, welchem Könner und „Experten“ die Fähigkeit einer erfolgreichen Reintegration von vorneherein abgesprochen haben. Harry und Terry und deren beiden Menschen haben den Gegenbeweis angetreten und geliefert. Darum geht es gar nicht. Vielmehr geht es darum, den Hund als solchen etwas besser kennenzulernen. Ihn besser zu verstehen. Und wenn uns das gelungen ist, nun, dann hat diese Internetpräsenz ihr Ziel erreicht.