Der gebrauchte Hund

Zum Gedenken an Harry und Jason

Artgerechte Hundeerziehung

Die Sache mit Harrys Lerndisposition

Die Disposition (lat. - Planung, Entwurf) beschreibt im Allgemeinen die Verfügung über eine, entweder ursprünglich veranlagte oder auch erworbene, Fähigkeit. Durch die Domestikation über viele Generationen hat unser Haushund Fähigkeiten entwickelt, die es ihm durchaus ermöglichen, in einer Lebensgemeinschaft mit dem ihm artfremden Menschen in Grenzen zu kommunizieren.

GEBRAUCHTER HUND Lerndisposition
"Eh Primat, was Du wolle? Sprich nicht wie ein Welpe!"

Um diese Disposition des Hundes nutzen zu können, muss nun ausgetestet werden, über welche individuellen Lernmechanismen unser vierbeiniges Familienmitglied nun verfügt. Dementsprechend ist es wohl einleuchtend, dass Kenntnisse der natürlichen Verhaltensmuster, sprich Ausdrucksverhalten und Co., des Hundes hierbei unabdingbar sind. Dass eine bidirektionale Kommunikation anzustreben ist, liegt auf der Hand.

Wie bereits erwähnt, versteht es sich von selbst, dass man sich zu Beginn eine Art Erziehungsplan mit einer klaren Zielstellung der Ausbildung erstellen sollte. Der Hintergrund einer solchen Zielstellung liegt einfach darin, dass eine falsch erlernte Umsetzung eines Kommandos sehr schwer wieder zu ”korrigieren” ist. Plant man so beispielsweise irgendwann mit seinem Hund eine Schutzhundeausbildung zu durchlaufen, so sollte man von Anfang an sowohl auf den richtigen Kommandosatz, als auch auf die Anforderungen der Schutzhund-Prüfungen (z. B. in der Unterordnung) hinsichtlich der Ausführung beachten (Prüfungsordnung VDH). So hatten beispielsweise unsere beiden Boxer die entsprechenden Ausbildungen der BH und Cato zudem noch den SchH der Klassen I, II, III mit Begeisterung durchlaufen.

In Harrys Fall hatten wir uns spätestens nach der Absage des hiesigen Hundevereins aufgrund seines auffälligen Verhaltens für eine freie Ausbildung entschieden. Natürlich hatten wir auch hier das Fundament mittels des allgemein gängigen Kommandosatzes gebaut. Doch schon bald stand auf diesem Fundament ein Gebäude vom Feinsten, denn schließlich galt es im Alltag, mannigfaltige Situationen zu meistern. Doch beginnen wir von vorne.

Harry_Hier-Kommando
"Hallo, da bin ich!"

Um nun bei Harry ein gewünschtes Verhalten abzurufen, galt es erst einmal, zwei grundlegende Probleme zu lösen:

Von Anbeginn hatten wir Harrys Charakter studiert, Kommunikation und Ausdrucksverhalten mit Argusaugen beobachtet und analysiert. Zudem war es unabdingbar gewesen, bereits ab der ersten Woche unseren Horizont bezüglich profunder Hundekunde zu erweitern, denn schließlich hatten wir ja einen „besonderen Hund“ adoptiert. Da Harry eine auffallend hoch entwickelte Interpretationsfähigkeit besaß und zudem recht lernbegierig gewesen war, obendrein unverkennbar gefordert werden wollte, war es regelrecht ein Klacks gewesen, mit ihm effizient zu kommunizieren. Auch einen Grundgehorsam hatte er bereits nach kurzer Zeit intus.

Motivation - Das Ass im Ärmel

In Sachen Motivation spielte uns natürlich das „Futtergen“ des Bardinos in die Hände. Bardino-Halter wissen, was ich meine. Denn ein Bardino hat nun einmal unentwegt Hunger. Ideal, wenn man seinen Hund nach dem Prinzip der positiven Verstärkung ausbildet, sprich, nach dem Belohnungsprinzip arbeitet. Heißt im Klartext, erwünschtes Verhalten wie eine saubere Ausführung eines Kommandos durch Belohnungen wie Leckerlis, Lob oder Spiel sofort zu verstärken, um dessen Wiederholung zu fördern. Ungewünschtes Verhalten wird ignoriert bzw. umgelenkt. Dass diese Form des Trainings nahezu in alle Bereiche des Miteinanders von Hund und Mensch positiv hinein reflektiert, liegt auf der Hand. Die Bindung wird gestärkt und der Hund ist motiviert. Um Harry zu trainieren, hatten wir als Belohnung auf Körpersprache, Intonation des gesprochenen Lobs, gepflegte Knuddelei aber auch Leckerlis gesetzt. Dass wir damit Harry in Gänze erreicht hatten, wurde durch seine enormen Fortschritte, welche er bereits nach kurzer Zeit gemacht hatte, eindeutig belegt.

Hundeerziehung - Die Basics
"Einfach, alles viel zu einfach!"

Ich erinnere mich nur allzu gut daran, wie wir draußen im Gelände von gestandenen Hundeplatz-Profis angesichts unserer Trainingseinheiten belächelt wurden. Sprüche wie „Ha, das soll Hundeausbildung sein?“ oder auch „Der Hund muss knallhart lernen, wer hier der „Alpha“ ist!“ Tatsächlich, ist das so? Na ja, was das anging so erinnere ich mich gerne an so mache Begebenheiten, aufgrund derer ich diese steilen Thesen infrage stelle. Da sehe ich den herumbrüllenden „Könner“, welcher seinem Hund, welcher gerade einen Artgenossen am anderen Ende der Wiese entdeckt hatte, hinterherrannte und ihm Flüche, Drohungen und Kommandos hinterher brüllte. Oder jenen Helden des lauten Tonfalls, welche trotz Lärm aus deren Hals ihren Hund nicht ansatzweise erreichten. Ich glaube, dass es für diese Helden nicht unbedingt erbaulich gewesen war, vor Ort erleben zu dürfen, wie im Gegensatz dazu Harry auf unmerklichste Zeichen mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks reagierte. Oder wie problemlos er sich, ohne lauthals herumzuschreien, vom anderen Ende der Wiese zurückholen ließ. Alles, was es dazu bedurfte, bestand darin, seinen Namen über die Wiese zu rufen nebst antrainiertem Sichtzeichen. Ach ja, Harry kannte keinen dieser viel beschworenen kompromisslosen „Alphas“. Stattdessen lebte er an der Seite eines Menschen, dem er gelernt hatte, bedingungslos vertrauen zu können. Einen Menschen, zu dem er im Laufe der Monate eine innige Bindung aufgebaut hatte.

Pfote eines Hundes

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Kapitel: Artgerechte Hundeerziehung


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