Artgerechte Hundeerziehung
Harry und die Mär vom Alpha in der Familie
Wie bereits aufgeführt, hatte Harry in unserer Mitte nie einen sogenannten Alpha kennengelernt. Einen tumben Menschen, der gegenüber seinem Hund stets hart durchgreift, gerne auch körperlich, um dem Hund in einer Tour zu demonstrieren, wer hier der Anführer ist. Stumpfes Ober-Unter-Denken, geboren in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts aus Halbwissen bezüglich der Interaktionen zwischen Wölfen, den Urahnen unserer domestizierten Haushunde. Doch wenn es bei uns aus Harrys Sicht keinen Alpha gab, wie war es dann überhaupt möglich gewesen, diesen vormaligen verhaltensauffälligen Kettenhund derart vortrefflich aufzubauen, ihn zu erziehen und auch noch derart harmonisch in die Familie zu integrieren? Hier angelangt, wisst Ihr, dass wir weder seinen Namen getanzt, noch fröhliche Lieder am Lagerfeuer gesungen haben!
Wir vergleichen nur allzu gerne Rudelstrukturen der Kaniden mit unseren eigenen artspezifischen ethnologischen Strukturen wie z. B. der Verwandtschaftsgruppe Familie. Der Hund kommt in unsere Familie, also hat er sich unserem Rudelverständnis nicht nur anzupassen, sondern sich auch noch diesem Verständnis unterzuordnen. Und weil es eben seiner Art entspricht, muss das auf die unmissverständliche harte Tour erfolgen! In der Tat eine typisch menschliche Sichtweise der Dinge und somit leider auch ein gravierend falscher Ansatz hinsichtlich der Integration unseres gebrauchten Hundes. Diesbezüglich will ich mir nicht ansatzweise ausmalen, was wohl passiert wäre, wenn Harry an einen „Alpha-Latzhosenträger“ übergeben worden wäre. Ich habe mal so einen Könner kennengelernt. Dieser hatte mir voller Stolz seinen verbundenen Arm präsentiert. In der Tat war er von seinem eigenen Schäferhund gebissen und dabei schwer verletzt worden. Wohlgemerkt, einem ehemaligen Polizeihund. Wie sich später herausstellte, hatte er seinem DSH zuvor bereits über längere Zeit gehörig körperlich zugesetzt, um ihm seine Position als Alpha im wahrsten Sinne des Wortes einzubläuen. Dieser Hofnarr auf zwei Beinen. Der Versuch einen Hund mit harter Hand zu unterwerfen, führt früher oder später ins Chaos. Und ganz gewiss dann, wenn es sich dabei um einen „besonderen Hund“ handelt.

Rücken wir also erst einmal die recht „bizarre“ Interpretation der Alpha-Theorie aus der Welt der Wölfe gerade. Frei lebende Wölfe leben in Familiengruppen, in Rudeln zusammen. Diese Rudel bestehen in der Regel aus den Elterntieren und deren Jungtiere, sprich, den Welpen und den Jährlingen. Angeleitet wird diese Gruppe von den „Alpha-Tieren“, den Elterntieren. Ja liebe Latzhosenträger, die Bezeichnung „Alpha“ kommt nicht von ungefähr. Bei Wölfen handelt es sich um sehr soziale Tiere und zwischen den Mitgliedern eines Rudels herrscht eine enge Bindung. Konfliktvermeidung ist innerhalb eines Rudels höchstes Gebot! Ich möchte an dieser Stelle mal Günther Bloch zum Thema vermeintlicher harter und unnachgiebiger Dominanz innerhalb eines Wolfsrudels ins Feld führen:
„Wäre ein solches Verhalten nach Alpha-Theorie und dem damit einhergehenden steten Streben nach Dominanz im Wolfsrudel tatsächlich an der Tagesordnung, so würde es heute gar keine Wölfe mehr geben. Tatsächlich ist das Sozialverhalten der Wölfe viel zu hoch entwickelt, um sich durch solch simplen menschlichen Interpretationen auch nur annähernd beschreiben zu lassen. Durch ein solch aggressives Ordnungsdenken würden jegliche effektive Jagd- und Familienstrukturen überhaupt nicht zustande kommen, und sie wären in logischer Konsequenz zwangsläufig verhungert und ausgestorben.“
Nicht zuletzt um Konflikte innerhalb einer „Wolfsfamilie“ zu vermeiden, verlassen übrigens geschlechtsreife Wölfe im Alter von einem Jahr bis etwa 22 Monate das Rudel um sich in einem eigenen Territorium niederzulassen. Auf ihrer Suche bringen die jungen Wölfe durchaus beeindruckende Wanderungen hinter sich.

Nun, liebe „Latzhosenträger“, so viel also zum Thema Alpha, sprich die „Ersten“. Natürlich muss ich an dieser Stelle noch erwähnen, dass die ursprüngliche Alpha-Theorie, welche aus Verhaltensstudien nicht verwandter Wölfe in Gefangenschaft abgeleitet wurde, längst widerlegt ist. Innerhalb dieser Gruppen kam es tatsächlich vermehrt zu Auseinandersetzungen bis hin zu ungehemmter Aggression unter den Individuen.