Der gebrauchte Hund

Zum Gedenken an Harry und Jason

Harry - Bürde der Vergangenheit

Harrys Bindung - Willkommen in der Familie

Die Bindung eines Hundes muss man sich verdienen, erst recht, wenn es sich dabei um einen Hund mit Harrys Vergangenheit handelt. Unter der Bindung des Hundes an seine(n) Menschen versteht man schlichtweg eine besondere emotionale Ebene innerhalb der Beziehung zwischen Hund und Mensch. Alleine erst einmal eine Beziehung zu einem „besonderen Hund“ aufzubauen kann bereits ein „hartes Brot“ darstellen.

GEBRAUCHTER HUND Harry Bindung Beginn
November 2005 - Harry näherte sich an

Mit lautem Befehlston, sprich „Bellen“, war bei einem Hund von Harrys Kaliber absolut nichts zu erreichen. Konditionierende Hilfsmittel wie Schellenband, Impulshalsbänder oder gar physische Bestrafungen waren seit je her indiskutabel. Auch die von schlichten Geistern viel gepriesene bedingungslose Dominanz gegenüber dem Hund ließen wir dort, wo sie hingehört – im Buch der Narren und Toren. So durften wir beispielsweise miterleben, wie eine professionelle mobile Hundetrainerin, welche uns zuhause gemeinsam mit ihrem Assistenten demonstrieren wollte, wie man Harry erziehen muss, von unserem Hund regelrecht vorgeführt wurde. Diese Trainingsstunde war durchaus lehrreich gewesen. Ein Lehrstück par excellence wie man es keinesfalls versuchen sollte! Die Mittel der Wahl dieser beiden Könner bestanden aus körperlicher Dominanz und dem Einsatz eines Schellenbands. Nun ja, Harry hatte letztendlich den Assistenten dominiert und das geworfene Schellenband vollständig ignoriert. Und um dem Ganzen noch einen obendrauf zu legen, hatte er mir gegenüber, unter den ungläubigen Blicken der Trainer, einen vorbildlichen Gehorsam an den Tag gelegt.

Lachender Hund Harry
Könner auf zwei Beinen halt..."

Über die Beobachtung seiner alltäglichen Verhaltensmuster haben wir mit der Zeit gelernt, seine Gesten und Körpersprache immer richtiger zu deuten und nach dem Prinzip der positiven Verstärkung seine Erziehung entsprechend zu gestalten. Reichlicher Literaturverzehr, wertvolle Tipps von Menschen, die ihrerseits schon eigene Erfahrungen mit spanischen Tierschutz-Hunden gemacht hatten (an dieser Stelle gleich einmal knuffige Grüße nach Ursenbach an meine Schwester Imke, sowie einen ordentlichen Knuddel für Jack), sowie verschiedene Trainer standen uns hier hilfreich zur Seite.

GEBRAUCHTER HUND Harry im Schnee
Dezember 2005 - Harry in "Der Schneewolf"

Bereits nach wenigen Wochen ließen sich erste Veränderungen festzustellen. Die anfängliche Leinenführigkeit ging leider mit seiner zunehmenden Selbstsicherheit verloren. Nach ca. 6 Wochen fing er an, sein neues Heim als solches langsam anzunehmen und einen Bezug zur Lokalität aufzubauen.

Ungefähr weitere 2 Monate später begann die echte Bindung an seine Gruppe und speziell ich wurde seinerseits gehörig auf die Probe gestellt. Der Grund dafür sollte sich mir schon sehr bald offenbaren. Denn ich wurde nicht nur seine Bezugsperson, sondern zwischen uns beiden entwickelte sich ein inniges Band der Freundschaft und Zuneigung. Nach ungefähr 5 Monaten hatte sich Harry vollständig in unsere Familie integriert. Und ja, selbst die Katzen wurden von ihm akzeptiert. Merlin hatte endlich seinen „Hundekumpel“ gefunden. Und was unsere „Graue Eminenz“ Kira anging, nun, so sollte er allerdings zeit seines Lebens einen gehörigen Respekt vor ihr besitzen.

GEBRAUCHTER HUND Harry im Schnee
Alles ist genau so, wie es sein soll

Erst am Ende wird die Rechnung aufgemacht

Offenkundig hatten wir mit Harry den richtigen Weg eingeschlagen. Auch wenn noch Jahre ins Land ziehen sollten, bis wir ihn vollständig und vor allem nachhaltig von der Bürde seiner Vergangenheit befreien konnten, so hatte vor allem seine unverkennbare positive Entwicklung des ersten Jahres in unserem Ort Eindruck hinterlassen. Die zahlreichen Zweifler und Skeptiker waren nahezu vollständig verstummt. Gut, die „Ewig-Gestrigen“ wird es immer geben. Und wir selbst waren schon sehr bald eben nicht mehr „die Leute mit dem gefährlichen Hund“ gewesen. Ganz im Gegenteil. Irgendwann habe ich aufgehört, zu zählen, wie oft wir nun auf Harry angesprochen wurden. Und ja, die meisten hatten sich nicht ansatzweise vorstellen können, was dieser Hund tatsächlich hinter sich hatte. Verständnis hatte Anfeindungen und Ablehnung abgelöst. Nahezu jedermann hatte irgendwann schon einmal über die Not und die Lebensumstände ausländischer Hunde gehört. Horror-Geschichten von Tötungsstationen und Tierfängern. Der Misshandlung und Tötung von Hunden auf offener Straße. Harry hatte nun dem Hörensagen ein Gesicht gegeben. Ein kaltes Gesicht gegeben. Sein auffällig aggressives Verhalten der ersten Monate war nicht von ungefähr gekommen. Vielmehr hatte ihm sein altes Leben Anlass für ein derartiges Verhalten gegeben. Umso mehr streichelte es regelrecht unsere Seelen, wenn dieser stattliche Kerl nun seinerseits auf die Menschen zuging, um sich Krauleinheiten und Leckerli abzuholen.

GEBRAUCHTER HUND stattlicher Harry
Anja mit unserem stattlichen Hauswolf

Rufen wir uns angesichts dieser Aufnahme noch einmal in Erinnerung, dass zu Beginn unseres Miteinanders Harrys Prognosen aufgrund seines schlechten gesundheitlichen Zustandes, vor allem aber aufgrund seines signifikant unsicheren Verhaltens, katastrophal gewesen waren. All dieser „Unkenrufe“ zum Trotz hatte sich Harry während dieser Zeit in jeglicher Hinsicht zum Positiven entwickelt bzw. weiterentwickelt. Manche Ausmaße dieser Veränderungen haben selbst erfahrene Hundekundler verblüfft.

Hätte man mir selbst 2007 geweissagt, dass Harry jemals leinenfrei und 10 Meter voraus höfliche Fahrradfahrer völlig unbehelligt passieren lassen würde, mit dem vorbeifahrenden Bus, ja, selbst einem Traktor nicht mehr aggressiv kommunizieren-, oder sich gar ohne Leine mittels Augenkontakt nebst unscheinbaren Fingerzeigen durch das dichteste Menschengetümmel führen lassen würde, so hätte ich zum damaligen Zeitpunkt, selbst in Anbetracht aller durchaus beachtlichen Fortschritte, bestenfalls „milde gelächelt“.

Wie dem auch sei, Harry sollte mich schon bald eines Besseren belehren!

Pfote eines Hundes

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Kapitel: Bardino-Husky Harry


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