Der gebrauchte Hund

Zum Gedenken an Harry und Jason

Terry - Der Rückläufer

Ein zartes Pflänzchen namens Vertrauen

Letztendlich ließ sich Terry „lesen“ wie ein offenes Buch. Doch es gab damals eine individuelle Besonderheit hinsichtlich der Eskalation im Rahmen seiner natürlichen aggressiven Kommunikation gegenüber Menschen. Diese unterschied sich deutlich von seiner aggressiven Kommunikation gegenüber Artgenossen. Diesbezüglich entsprach seine aggressive Kommunikation regelrecht der praktischen Veranschaulichung des Stufenmodells der Ethologin Frau Dr. Dorit Feddersen-Petersen. Gegenüber Menschen hingegen bestand ein eindeutiges Indiz für die Aufnahme der aggressiven Kommunikation in seinem sonderbaren Gesichtsausdruck und dem fixierenden Blick, in welchem regelrecht eine Grabeskälte zu liegen schien. Kein Knurren, kein Hochziehen der Lefzen, nicht einmal ansatzweise ein Aufbau des „C“. Und während er regelrecht lautlos vor Ort verharrte und fixierte, bildete sich zusehends eine Falte auf der Stirn aus. Kurz darauf war dann Attacke angesagt. Deshalb war es ihm gelungen, mich am Samstag, wie beschrieben, zu überrumpeln. Es war tatsächlich dieser Blick gewesen, welcher mir bereits kurz nach dem Vorfall aufgefallen war. Danach hatte ich ihn diverse Male „getestet und ausgelotet“ und konnte schnell eine Systematik ableiten. Eine Erkenntnis von unschätzbarem Wert, denn nun wusste ich, wie weit ich bei ihm gehen konnte. Damals im Wohnzimmer hatte mich tatsächlich „gewarnt“, doch ich hatte ihn schlichtweg nicht verstanden und damit ignoriert. Die Quittung kam postwendend.

Terry beim Jagdspiel im Garten
Terrys Neue Welt

Letztendlich eine Erkenntnis von unschätzbarem Wert bei meinem Ansatz, sich sein Vertrauen zu verdienen. Bereits nach wenigen Monaten hatte er dieses Verhalten abgelegt. Ob Artgenosse oder Mensch, in Sachen aggressiver Kommunikation kann man sich längst getrost auf das „klassische Stufenmodell“ verlassen. Möglicherweise war seine „stille Variante“ der aggressiven Kommunikation seiner Strassenvergangenheit geschuldet – unbemerkt bleiben und dann aus dem Hinterhalt blitzschnell zupacken. Doch wer kann das schon mit Sicherheit sagen?

Auf der Strasse überlebt - Der Stellenwert der Fütterung

Als Erstes bastelten Anja und ich an einem Fütterungsritual. Rituale vermitteln Hunden wie Terry Sicherheit. Nicht weniger als eine Konstante im Leben, erst recht für einen vormaligen Straßenhund. Dank der Futtermanufaktur unseres Vertrauens hatten wir bereits nach wenigen Wochen Terrys Ernährungsplan angepasst. An dem Umstand, dass Terry über sein Futter herfiel, als würde es kein Morgen mehr geben, hatten wir jedoch noch einige Zeit zu knabbern. Als Erstes hatten wir es mit Einsätzen für den Napf probiert, welche einen Hund dazu zwingen, sein Futter aus Vertiefungen regelrecht heraus zu schlecken. Die Ernüchterung folgte prompt auf den Fuß – bei dieser Art der Fütterung geriet Terry regelrecht in Stress, weil er nicht gleich an das Futter herankam. Keine Lösung also für einen ehemaligen Straßenhund vom Kaliber Terry. Dabei lag die Lösung unseres „Schling-Problems“ doch zum Greifen nah. Die Futtermenge wurde einfach aufgeteilt. Die eine Hälfte gab es unmittelbar vor der Gassi-Runde, nach Rückkehr folgte dann der zweite Durchgang. Und eines können Ihr mir glauben, mit dieser Fütterungsvariante hatten wir voll ins Schwarze getroffen. Das war genau nach Terrys Gusto. Bis zu heutigen Tag bekommt Terry unverändert seine 7 Mahlzeiten und er liebt es einfach. Morgenrunde, Mittagsrunde, Abendrunde und zu guter Letzt der Happen für den hohlen Zahn nach der Nachtrunde. Bei Letzteren gibt es allerdings, verglichen zu den anderen Mahlzeiten, in Sachen Futtermenge bestenfalls nur noch ein kleines „Schmankerl“. Und da gibt es noch etwas zu berichten. Selbst heute, nach nunmehr über zehn Jahren, zelebriert Terry jede einzelne seiner Mahlzeiten genau so, wie er es am ersten Tag getan hat.

Das etwas andere Fütterungsritual

Und nun liebe Besucher, begleitet mich doch einfach einmal bei der etwas anderen Art der Hundefütterung. Und Obacht – das Leben an der Seite „Besonderer Hunde“ geht nicht spurlos an einem vorbei ;-)

Terry auf Mäuse-Pirsch
Nein Terry, nicht das Mäuse-Futtern-Ritual

In Terrys Welt sind Fütterungszeiten in Stein gemeißelt. Und so liegt es auf der Hand, dass man bereits eine geraume Zeitspanne zuvor dazu aufgefordert wird, in Sachen Nahrungsaufnahme endlich in die Pötte zu kommen. Sei es durch fixierenden Blickkontakt oder auch sanft körperlich durch einen gerade sehr „schmusedürftigen“ Hund. Der Ärmste, steht er doch kurz vor dem Verhungern. Beharrlichkeit zeichnet den Terrier eben aus. Nicht zu vergessen der unfassbare Erfindungsreichtum dieser ungemein sturen Gesellen unter den Hunderassen. Die Zauberformel „Essen?“ bringt die Erlösung. Hell intoniert leise und fragend über die Lippen gebracht und schon geht es los. Die Augen werden groß, der Hund wird zum Flummi – das ist Freude pur. Während ich mich nun auf unseren Hundemann zubewege, springt dieser übermütig vor mir herum. Dabei werde ich seinerseits regelrecht zum Spiel aufgefordert. Wenn ich nun auch noch den „Edgar-Move“ mime, geht es aber so richtig los. Bei Edgar handelt es sich im Film „Men in Black“ (1997), um den einfachen Mann vom Land, dessen Körper von der Schabe „übernommen“ wurde. Denn Terry steht ungemein auf derartigen „Spökes“. Auch sinnige „Edgar-Sprüche“ findet er dabei richtig toll. Und während wir uns langsam in Richtung Futterstation bewegen und an seinen Napf herankaspern, fällt er über seine Gießkanne von IKEA her, um noch schnell einen letzten Zug Wasser abzupumpen. Und ja, Terry trinkt nicht aus Metall-Näpfen, sondern er schwört in Sachen Wasser-Schlabbern auf diese Art der Zimmer-Gießkannen. Sobald ich mir den Fressnapf, wohlgemerkt aus Metall, geschnappt habe, weicht er mir auf dem Weg in die Küche nicht mehr von der Seite. Dort angekommen, wird gleich einmal die Dose geöffnet. Dabei sitzt Terry direkt neben mir und beobachtet akribisch mein Tun. Schnell mit dem Esslöffel einen mittel-kleinen Happen Nassfutter heraus gepult und in die Hand genommen. Es versteht sich von selbst, dass Terry sein Amuse-Gueule direkt aus der Hand bekommt. Dieses Ritual aus den Anfangstagen habe ich konsequent beibehalten. Denn Terry musste erst lernen, dass hier in seinem neuen Heim, von der Hand eines Menschen, erst recht, wenn es sich dabei um einen Mann handelt, keine Gefahr ausgeht. Dass Gegenteil ist hier bei uns der Fall. Außerdem hat er längst verinnerlicht, beim Annehmen des Futters aus der offenen Hand meine Finger dran zu lassen. Mich beeindruckt es stets aufs Neue, wie sanft Terry seine Schneid - und Fangzähne einsetzen kann, selbst wenn es um den Hort seiner Begierde geht. Dass die Hand natürlich im Anschluss „sauber“ geschlabbert wird, versteht sich von selbst. Nun wird die Tischwaage herangeholt, Napf drauf und Tara eingestellt. Das Futter, z. B. Ente mit Kartoffeln und Möhren, wird portioniert. Je nach Bedarf kommen noch natürliche Nahrungsergänzungen wie beispielsweise Apfelpellets, Spirulina oder Gerstengras dazu. Ulmenrinde-Paste zur Unterstützung des Magen- und Darmtrakts gehört seit geraumer Zeit bei unserem zwölfjährigen Senior im Körper eines jungen Hundes ebenfalls zum Speiseplan. Doch zurück zu unserem Ritual. Sobald auf der Küchenplatte wieder Ordnung herrscht, lasse ich Terry einen Blick in den gefüllten Napf werfen. Der „Schlapps“ der Zunge um die „Ladeluke“ kündet unmissverständlich davon, dass ich das Wohlwollen meines Hundes besitze, sprich, dass es sich bei Terry gerade um einen sehr zufriedenen Hund handelt. Jetzt beginnt der knifflige Teil des Unternehmens, das da lautet, „den Napf mitsamt Futter unfallfrei zur Futterstation zu transferieren“. Schon ist Terry Richtung Diele losgestürmt, um postwendend eine 180°-Kehre hinzulegen, um erneut den Napf zu inspizieren. Na klar, auf diesen ersten 2 Metern könnte ja Futter verloren gegangen sein. Nach erfolgreicher Kontrolle ist er auch schon mit einem Riesen-Satz im Wohnzimmer verschwunden, um Sekundenbruchteile später, am Eingang zum Wohnzimmer den Napf in meiner Hand einer erneuten Inspektion zu unterziehen. Dann ist Schwanensee angesagt. Denn unsere Schwanenjungfrau im Terrier-Kleid hat gleich einmal seine erste Pirouette auf vier Pfoten hingelegt. Während ich mich langsam der Futterstation nähere, legt Terry direkt die nächste Drehung hin, gefolgt von einer weiteren. Sobald ich den Napf in den Haltering gelegt habe, ist auch schon Hundemanns Kopf darin verschwunden und das große Schlingen hat begonnen. Ein letzter sanfter Streich über seinen Rücken, untermalt mit den Worten „Lass Dir’s schmecken, meine Rübennase!“, beenden unser Ritual. Und ja, genau das sind meine Worte und sie kommen nicht von ungefähr. Das Wunder der Bindung eben. Selbst wenn Sie jetzt ahnen dürften, wohin auch Terrys Weg führen sollte, flugs wieder zurück an den Anfang. Dass ich zu Beginn dieses Rituals natürlich den „Edgar“ stecken gelassen habe, versteht sich von selbst. Auch bis zum Streich über den Rücken sollten noch viele Monate vergehen. Denn zu Beginn hätte Terry diesen Streicher über seinen Rücken gerade während der Fütterung auch vollkommen anders interpretieren können. Wir mussten uns halt erst einmal näher kennenlernen.

Terry muss noch sein Bäuerchen machen
Erst noch ein Bäuerchen machen

Bedrängungslage Geschirr anlegen

Dem Hund sein Geschirr anzulegen, nun ja, für den Hundehalter in der Regel 0815-Routine. Im Fall Terry hingegen dann doch eine kleine Herausforderung. Warum dem so war, ist schnell erläutert. Wenn ein Mensch, falsch, wenn ein Mann, welcher an einen Hund mit Terrys Vergangenheit ziemlich dicht heranrückt, um ihm das Geschirr anzulegen, so heißt dass in diesem Stadium des Kennenlernens nichts Geringeres, als dass der Hund diese Handlung durchaus als Bedrängung interpretieren kann. Und wie Terry auf Bedrängung reagierte, hatte ich bereits handfest demonstriert bekommen. Half nix, Terry musste lernen, diese Prozeduren, ausgeführt von einem Arne, über sich ergehen zu lassen. Ach ja, was das anging, besaß ich ja noch ein kleines Hilfsmittel, um beim Anlegen des Geschirrs die Funktionalität meiner Hände nicht aufs Spiel zu setzen. Nicht zuletzt aufgrund seiner scharf gefeilten Fangzähne des Unterkiefers hatte ich mir während Harrys ersten Monate unter badischem Himmel fingerlose Lederhandschuhe zugelegt, um mich vor seinen Beißerchen zu schützen. Auch wenn sie mir anfangs recht gute Dienste geleistet hatten, so konnte ich sie doch bereits nach kurzer Zeit wieder in der Schublade verstauen. Und in der Tat sollten mich diese ollen Handschuhe in den darauffolgenden Wochen durchaus des Öfteren vor ernst zu nehmenden Blessuren bewahren.

Futtern war und ist für Terry ohne Zweifel das Größte. Was lag also näher, das An- und Ablegen des Geschirrs zu einem rundum positiven Erlebnis zu gestalten. Zum einen hatte Terry schon sehr bald verinnerlicht, dass das Anlegen des Geschirrs in die Welt da draußen führte, anders ausgedrückt, das zu erwartende Action im Raum stand. Was lag also näher, um sich eine Geschirr-Anlege-Routine einfallen zu lassen, um die dabei zwingend notwendige Nähe des Mannes mit etwas Positivem zu verknüpfen. Und natürlich galt das Gleiche für das Ausziehen des Geschirrs. Noch einmal zur Erinnerung, zu Beginn des Trainings war es für mich unabdingbar, zum Anlegen des Geschirrs seine Individualdistanz zu unterschreiten. Seinen Drohungen trat ich zu Beginn mit stoischer Ruhe, Beschwichtigung und tiefenentspannten Handlungen entgegen. Gelegentliches Droh-Schnappen endete im Leder. Und nein, bestraft wurde er dafür nicht. Denn ich bewegte mich dabei mit meinen Handlungen mit dem „Beinahe-Unvermittelbaren“ auf einem sehr schmalen Grat. Gut, dass ich ein Pikass mit Strumpf und Korkenzieher im Ärmel hatte – positive Verstärkung! Terry, die Fressmaschine, wurde mit Leckerli dafür belohnt, wenn er meine Handlungen ohne handfestes „Veto“ über sich ergehen ließ. Und Terry hatte innerhalb kürzester Zeit verstanden. Und es wurde noch besser. Die Vorfreude auf Action da draußen in der großen weiten Welt, in Verbindung mit der Belohnung für „Anleinen ohne Murren“ durch mich, war für Terry zu einer rundum positiven Erfahrung geworden. Ein weiteres Mosaik-Steinchen im großen Mosaik namens Bindung. Und da Terry ein cleveres Kerlchen ist, war es für ihn ein Leichtes, auch das Abnehmen des Geschirrs zu seinem individuellen Vorteil zu gestalten. Nach Betreten der Wohnung auf Namensnennung sich in Windeseile dicht vor dem Menschen absetzen, sich freudig das Geschirr abnehmen lassen und direkt dafür mit Leckerli belohnt zu werden. Na ja, bereits nach kürzester Zeit hatten die Handschuhe endgültig ausgedient.

Pfote eines Hundes

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Kapitel: Terry - Der Rückläufer


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