Terry - Der Rückläufer
Terry und der „Fliegende Napf“
Da meine Schwester Terry endlich auch mal kennenlernen wollte, rief sie an, um sich mit Anja und Terry in St. Leon-Rot beim Spaßtag für Hunde zu treffen. Gesagt getan und Sie können mir glauben, dass Anja bei ihrer Rückkehr jede Menge zu berichten hatte. Terry hatte sich dort zwar von seiner besten Seite präsentiert, gleichzeitig aber auch bleibenden Eindruck hinterlassen. Das Ziel dieser Veranstaltung bestand einfach darin, dass Hund und Halter mal so richtig gemeinsam Spaß haben sollten. Dementsprechend standen auch diverse Turniere auf dem Veranstaltungskalender. Hierbei ging es nicht darum, verbissen Punkte, Medaillen und Status zu erzielen, sondern einfach mal den Hunden das anzubieten, was ihnen am natürlichsten ist. Da stand beispielsweise ein Hunderennen für „Kleine“-, „Mittlere“-, „Große“- und „Sehr Große Hunde“ auf dem Kalender. Angesichts unseres hochbeinigen Athleten wurde Anja mehrfach angeraten, Terry beim Hunderennen doch einfach mal mitlaufen zu lassen. Gesagt, getan und da die Klasse „Mittlere Hunde“ bereits ausgebucht war, wurde Terry einfach mal zu den „Großen Hunde“ gesteckt. Schließlich handelte es sich um einen Spaßtag und für einen zweijährigen Terrier-Jagdhund-Mix mit Sicherheit genau das Richtige, um mal richtig Dampf abzulassen. Teilweise war Terry angesichts seiner Kontrahenten in dieser Klasse hier und da schon etwas „milde belächelt“ worden, doch was solls, Spaß und Gaudi waren angesagt. Spätestens nach dem Zieleinlauf hatte er dann doch seine Aufstellung in dieser Klasse bestätigt. Im Gegensatz zu seinen Mitjägern hatte er sich zudem relativ wenig ablenken lassen. Anja hatte es wohl gar nicht registriert, dass Terry am Ende aller Durchgänge beim Spaßrennen tatsächlich den 2. Platz in der Klasse „Große Hunde“ belegt hatte. Verständlich, denn wenn Terry auch seinen Heidenspaß bei dieser Hatz hatte, so war der Grat zur damaligen Zeit zwischen Spaß und Überforderung durch Umweltreize plus Artgenossen, recht schmal gewesen. Stressvermeidung war angesagt. Es war offensichtlich, dass unser kleiner „Hetzjäger“, dieser „Jagdhund2“ tatsächlich jede Menge Spaß hatte.

Und weil dem eben so war ging es direkt weiter zum Spaßparcours. Der Spaßparcours bestand aus ein paar Stationen aus dem Agility. Es war schon erstaunlich, wie weit das Vertrauensverhältnis zwischen Terry und Anja bereits nach diesen wenigen Wochen gediehen war. Und weil dem eben so war, belegte er schließlich auch hier am Ende des Turniers gemeinsam mit seinem Frauchen den 2. Platz. Doch weil Terry eben Terry war, konnte er es sich wohl nicht verkneifen, sich den umstehenden Hundefans in der Pferdehalle mal ordentlich vorzustellen. Denn da gab es ja noch diese besondere Übung, bei welcher Halter ihre Hunde an einem Napf, in welchem Wiener-Würstchen platziert worden waren, vorbeiführen sollten. Das Ziel der Übung bestand darin, dass die Hunde den Napf, besser gesagt dessen Inhalt, im Laufe der Passage möglichst ignorieren sollten. Und als schließlich Anja mit Terry den Napf erreicht hatten, war die Stunde des Terry gekommen. Ansatzlos hatte er sich auf den Napf gestürzt und mit dieser Aktion Anja schon ein klein wenig überrumpelt, sodass ihr die Leine aus der Hand geglitten war. Kurz darauf hatte er sich dann auch gleich einmal den Napf samt Inhalt geschnappt, um diesen mit einem Sprint durch die Reithalle in Sicherheit zu bringen. Es versteht sich von selbst, dass er mit dieser Performance gehörig für Erheiterung bei den Zuschauern gesorgt hatte. Am anderen Ende der Halle angekommen sind die Würstchen dann, viel zu schnell für das menschliche Auge, über den Ereignishorizont in Terrys Fang gegangen. Auf diese Art und Weise hatte ein aufregender Tag sein angemessenes Ende gefunden. Da Terry verständlicherweise nach all der Action ziemlich platt gewesen war, verfrachtete sie ihn ins Auto, und brachte unseren Bub wieder nach Hause. Dass Terry das Herz meiner Schwester im Sturm erobert hatte, dürfte niemanden verwundern. Erneut hatte sich gezeigt, welch ungeschliffene Diamanten doch in den Boxen der Tierheime auf ihre Menschen warten. Einem dieser Edelsteine auf vier Pfoten, einem „Besonderen Hund“ eben, hatten die Tierschützer den Namen Terry gegeben.
Im Laufe des Jahres wuchsen wir mehr und mehr zusammen. Und so war es nicht verwunderlich, dass Ende des Jahres aus Anja und Terry regelrecht ein Dream-Team geworden war. Auch was die Beziehung zwischen Hundemann und mir betraf, so war er augenfällig ebenfalls an mich herangerückt. Kurzum, er hatte Vertrauen gefasst. Natürlich handelte es sich bei ihm unverändert um einen unsicheren Hund. Doch das Leben sieht eben gleich ganz anders aus, wenn man weiß, dass man im Zweifelsfall eben nicht mehr alleine auf Erden wandelt. Und was seine Unsicherheit betraf, nun, so sollte sich schon sehr bald eine ganz besondere Beziehung zwischen Terry und mir entwickeln.
Rabauken unter sich
Als mir Anja eines Nachmittags berichtete, dass Terry auf der Mittagsrunde zum ersten Mal mit einem anderen Hund gespielt hatte, viel es mir doch schon etwas schwer, mir das vorzustellen. Als ich allerdings erfuhr, auf wen die beiden da getroffen waren, fiel bei mir der Groschen. Bei dem anderen Hund handelte es sich um „Little“, einem schwarzen Mischlingsrüden, etwas kleiner als Terry, aber ebenso wie er alles andere als ein Kind von Traurigkeit. Auch wenn man Little nicht sah, so konnte man ihn jedoch allemal hören. Und er war nicht ohne. Irgendwo lag es also auf der Hand, dass sich Terry und Little verstehen mussten. Denn wie heißt es doch so schön: „Gleich und Gleich gesellt sich gern.“ Die beiden hatten sich gesucht und gefunden und fortan des Öfteren gemeinsam die Wiese am Friedhof bei Etzenrot unsicher gemacht. Bis zu Littles Gang über die Regenbogenbrücke waren er und Terry beste Kumpelz geblieben.
Weiter, immer weiter
Terry wurde von uns in jeglicher Hinsicht gefordert und gefördert. Auch wenn es sich bei ihm um einen recht sensiblen Hund handelt, so ist er unverändert alles andere als ein Kind von Traurigkeit. Und er steht aus „Faxen machen“. Heißt im Klartext in etwa „Ich foppe Dich, dann darfst Du auch mich foppen!“ so fand beispielsweise der „Edgar“ seinen Weg in unser Fütterungsritual. Aber auch draußen war „Spökes“ durchaus fester Bestandteil unseres Miteinanders auf unseren Runden. Doch da gab es ja noch seine andere Seite – seine Unsicherheit. Und genau hier konnte ich auf eine Fähigkeit zurückgreifen, welche mir im Laufe Harrys erster Jahre ungemein weitergeholfen hatte, die Fähigkeit Emotionen vollständig „herunterzufahren“. Hunde können nun einmal Emotionen wie Stress oder Furcht regelrecht riechen. Emotionen herunterfahren – klingt schon etwas schräg, oder? Und doch ist dem so. Fest steht, dass man seine Emotionen nicht einfach mal so herunterfahren kann. Dazu bedarf es Lebenserfahrung und Training. Meine 12-jährige Dienstzeit bei der Bundeswehr sowie jahrelange Kampfsporterfahrung waren dabei durchaus hilfreich gewesen. Versteht mich nicht falsch, einem Menschen etwas vorzugaukeln ist keine große Kunst. Nicht so bei einem Hund. Seine Emotionen vor ihm effizient zu verschleiern, stellt hier eine vollkommen andere Hausnummer dar. Diesbezüglich sind uns Gevatter Isegrims domestizierte Nachfahren eben meilenweit überlegen. Es sei denn, man hat sie verstanden. Kommen wir nun zur Praxis. Kleiner Bruder Harry, bitte sehr. Ein älterer weißhaariger Mann mit Stock kam uns entgegengestiefelt. Ihr kennt Harrys Geschichte. Harry ging direkt in Drohverhalten über, was dem Entgegenkommenden nicht verborgen blieb. Und schon fuhr die Stimmung auf beiden Seiten hoch. Also brachte ich mich im Vorfeld der Passage zwischen den Entgegenkommenden und Harry und ließ Hundemann direkt neben mir absitzen. Wäre ich unsicher oder aufgeregt gewesen, so hätte das Harry problemlos erkannt. Zudem hätten diese Emotionen sein aggressives Verhalten zusätzlich befeuert. Nicht so in diesem Fall. Er „roch“ weder Unsicherheit noch Furcht bei seinem Menschen, an welchen er sich zuvor nach so vielen Monaten intensiven Miteinanders gebunden hatte, welchem er vertraute. Selbstredend kommunizierten wir miteinander. Die wenigen Anweisungen, wenn auch ruhig und doch bestimmt vermittelt, ließen ihm keinerlei Spielraum für Interpretation. Hier, genau in diesem Szenario, hatte Harry nicht die Führung inne. Das andere Ende der Leine gab den Ton vor. Und siehe da, nichts passierte. Der „gefährliche“ Mensch entfernte sich wieder und Harry war zu keinem Zeitpunkt gefordert gewesen. Sein Mensch hatte die Führung gehabt und es war nicht das Geringste passiert. Zig Durchgänge später hatte Harry schließlich verinnerlicht, dass er in derartigen Situationen nicht mehr übernehmen musste. Sein Arne hatte die Führung übernommen und Hund und Halter sicher durch das Szenario geleitet. Vertrauensbildung auf Hundeart eben. Nichts Geringeres als ein evolutionäres Erfolgsrezept.

Wie bereits erwähnt, handelt es sich bei Terry gegenüber Harry in jeglicher Hinsicht um ein Leichtgewicht. Und das ist keinesfalls negativ gemeint. Als Terry so weit war, hatte auch ich bei ihm damit begonnen, bei kritischen Begegnungen meine Emotionen regelrecht „herunter zu fahren“. Hunde sind nun einmal Individuen und so sollte bei Terry eben diese Fähigkeit tiefgreifende Wirkung entfalten. Nach wenigen Monaten hatte ich mir Terrys Bindung dann doch ebenfalls redlich verdient. Nach all den Monaten stand außer Frage, dass sich Terry Anja als seinen Menschen auserkoren hatte. Und das ist auch gut so. Aus Terry und mir sind so etwas wie „Best Buddies“ geworden. Er vertraut mir in jeglicher Hinsicht, das steht außer Frage. Doch da hat sich noch etwas zwischen uns entwickelt, worauf ich ungemein stolz bin. Als Terry zu uns kam, hatte er Männer angegriffen. Im gleichen Atemzug war Terry der erste Hund gewesen, welcher mich bereits am zweiten Tag hatte ordentlich bluten lassen. Und dennoch hatten wir zueinandergefunden. Doch wir sind dabei, für mich allerdings unbewusst, noch eine große Stufe weiter gegangen. Terry hatte verinnerlicht, dass er, egal was auch kommt, bei mir Schutz und Unterstützung findet. Heißt im Klartext, sobald er sich bedroht fühlt, ihm eine Situation, und sei sie noch so banal, unheimlich erscheint, so kommt er zu mir und drückt sich an mich. Gibt es einen größeren Vertrauensbeweis? In einer Gruppe aus Individuen unterschiedlicher Spezies kommt nun einmal jedem Individuum seine Aufgabe zu, und so war aus uns nach einigen Monaten eine Gemeinschaft geworden. Eine Gemeinschaft, gebunden durch Zuneigung und Vertrauen. Und das hat sich bis zum heutigen Tag nicht geändert, ganz im Gegenteil. Wir sind zu einer Familie gereift.
