| Sie schnuffeln sich gerade durch das Thema: Der gebrauchte Hund >> Uns Harrybo |
Uns Harrybo heute |
Die Schatten der Vergangenheit
Wenn man sich nach reichlicher Überlegung und selbstkritischer, nüchterner Prüfung seiner persönlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten dazu entschieden hat, sich eines gebrauchten Hundes aus Südeuropäischen Gefilden anzunehmen, so weiß man, worauf man sich einlässt (s. auch Die Verantwortung der Adoption. Man ist sich bewusst, dass in diesen Ländern der Hund nur allzu oft als Sache gesehen wird - Dort macht man macht sich den Hund zu Nutze, danach wird er schlichtweg entsorgt. Viele dieser Hunde haben durch Menschen ohne Ehre und Anstand unsägliches Leid und Vernachlässigung erfahren, sind auf der Strasse Überlebenskünstler geworden, und haben sich gegenüber anderen Artverwandten so oder so behauptet. Und weil man sich dessen bewusst ist, haben auch geschundene Hunde wie Uns Harrybo wieder eine Chance auf ein gutes und erfülltes Leben. Mit dieser Adoption übernimmt man nichts Geringeres, als die Verantwortung über ein Leben. Die Art und Weise, wie Ihr dieser Verantwortung dauerhaft gerecht werdet, wird zeigen, von welchem Schlag Mensch Ihr wirklich seid.

Wandern in dunklem Tann
Leben mit Harrybo heißt leben mit einem liebenswerten ”Chaoten”. Ein ehrlicher, sozialer und friedfertiger Charakter, welcher den Kontakt zu ”guten” Menschen regelrecht sucht. Ein treuer Begleiter im Alltag, stets an der Seite seiner Menschen. Wenn man ihn erlebt, wie er gerade mal wieder mit freundlichen Passanten kokettiert, dabei tief in seine schier unergründliche Trickkiste greift, um diese Menschen regelrecht um die Pfote zu wickeln, so vergisst man beinahe, dass Harry kein ”einfacher” Hund ist, und wohl nie ein einfacher Hund sein wird. Vertrauen und Bindung, mit allen damit implizierten Faktoren, sind die Basis dafür, dass wir den wahren Harrybo erleben dürfen. Aber die ersten sechs Jahre seines alten Lebens haben nicht nur physische Narben hinterlassen. Geblieben ist, wie bereits erwähnt wurde, ein tiefes Misstrauen gegenüber fremden Menschen. Trifft man außer Haus auf Menschen, welche Harrybo nicht kennt, so werden diese Menschen regelrecht über Distanz ”gescannt”. Hierbei haben wir gelernt, Harrybos diesbezüglichen nonverbalen Signale zuverlässig zu lesen. In der Regel hört unser Karnivor bereits nach wenigen Sekunden mit seinen ”Studien” der sich annähernden Passanten auf, und widmet sich wieder anderen Prioritäten wie z.B. der Tageszeitung am Wegesrand. Die Passage erfolgt nun bei freiem Hund im kontrollierten Fuss- bzw. Hand Gang. Dabei ist stets zu beobachten, dass unser Hauswolf auf den ersten Blick zwar völlig entspannt zu sein scheint, dabei aber stets hellwach und aufmerksam ist. Ein völlig normales Verhalten eines natürlichen Hundes, und ein sicheres Indiz für funktionierendes Rudelverhalten sowie klare und akzeptierte Hierarchien.
Im Idealfall trifft man hierbei auf höfliche und unvoreingenommene Menschen, welche Harrybo auch auf Aufforderung begrüßen darf. Auf diese Weise hat unser Hauswolf viele seiner ”Fans” gewonnen, zumal er irgendwie immer zu wissen scheint, wie er seinem menschlichen Gegenüber gefallen kann.
Nun kommt es aber auch mal vor, dass Harrybo bei manchen Passanten in Kommentverhalten auf distanzierte mögliche Bedrohung verfällt. Körpersprache und Bewegungsart zeigen hierbei eineindeutig, dass Uns Harrybo eine unklare Lage definiert hat, wobei sich die Quelle dieser möglichen Gefahr, der Passant, stetig annähert. Die mögliche Bedrohung wird optisch fixiert, der Gang wird langsam und signalisiert Sprungbereitschaft - Klassisches Distanzdrohen basierend auf der natürlichen Aggression des Hundes. Gelingt es uns nicht, Harry über Anweisungen von seinem Kommentverhalten abzubringen, so wird er kontrolliert und in Ruhe angeleint.
Bei ruhiger Ansprache wird der leinengeführte Fuß- bzw. Hand Gang fortgesetzt. In der Regel beendet Harrybo nun sein Kommentverhalten, signalisiert jedoch höchste Aufmerksamkeit wobei er zuverlässigen Gehorsam zeigt. Während der Passage ist unbedingte Aufmerksamkeit unsererseits gegeben, so dass Harrybo eine kontrollierte Situation erkennt. Auch wenn man gelegentlich in diesen Fällen ob der leinengeführten Passage und ruhigen Ansprache ”seltsame” Blicke der Passanten ”erntet”, zählt für uns einzig und alleine ein beruhigter und entspannter Hund, und nebenbei bemerkt, stellt ein solcher Hund keinerlei Belästigung für diese Mitmenschen dar.
Und schließlich kann es auch mal vorkommen, wenn auch sehr selten, dass Harrybo seine Kommentaktionen trotz Ansprache nicht beendet. Hier ist nun offensichtlich, dass unser Hauswolf eine scheinbare Bedrohung für das Rudel definiert hat. Zwar folgt er den Anweisungen, aber das anhaltende Kommentverhalten, bzw. sein Drang zur Kontrolle der Situation erfordert nun weitere Maßnahmen zur Entspannung. Da er trotz Anspannung weiterhin zuverlässigen Gehorsam zeigt, führen wir ihn über ruhige Hör- u. Sichtzeichen an den Wegesrand, und lassen ihn absitzen. Auch wenn es unhöflich erscheinen mag, positionieren wir uns zwischen Hund und Passanten mit Front zu Harrybo. Über ein besonderes Zeichen lassen wir ihn ganz dicht an uns heranrücken. Während der Fußgänger passiert, wird Harrybos Aufmerksamkeit über Hör- u. Sichtzeichen ”gebunden”. Das ”SITZ” wird nach Passage kontrolliert aufgehoben, und seine Aufmerksamkeit über weitere Ansprache gebunden. Ein letzter Blick in Richtung Passant, Ableinen und schon geht es entspannt weiter.

Hochbetrieb auf dem Gr. Falkenstein
Souveräne Gelassenheit
Warum nun dieses Verhalten - Wir wissen es nur bedingt. Wir haben in diesen Fällen auf Bewegungsmuster, Bekleidung, Körperhaltungen oder auch mitgeführte Gegenstände wie Schirme etc. studiert, und diesbezüglich keinerlei Systematik hinsichtlich eines Triggers des Artspezifisch natürlich aggressiven Verhaltens erkennen können. Es ist jedoch gesichert, dass Harrybo selbst über große Distanz Unsicherheit oder gar Angst, sowie Aggression der Menschen wahrnimmt. Und diese Emotionen werden von unserem Harrybo eben als Bedrohlich eingestuft. Diesbezüglich haben wir viele Gespräche mit eben solchen Passanten geführt, und stets wurde uns dabei bestätigt, dass sich diese Menschen vor Hunden fürchten, sei es aus eigenen negativen Erfahrungen oder allgemeinen Gründen. Und es freut uns ungemein, dass es den Ein- u. Anderen dieser einst ”furchtsamen” Menschen gibt, welcher von unserem Grünfell regelrecht ”bekehrt” wurde, in Sachen Furcht nicht mehr alle Hunde über einen Kamm schert, und hier und da sogar mit Begeisterung leckeren Wegezoll an unseren fidelen Wegelagerer entrichtet.
Über unhöfliche oder gar aggressive Menschen brauchen wir nicht reden.
Wir sorgen für eine entspannte Passage, der Mensch darf passieren. Dumme
Sprüche kann man ”knicken”, sie kommen ja eben von dummen Menschen. Und um
in Sonderfällen fehlende Erziehung bei diesen Menschen zu korrigieren, nun
dazu bedarf es keinesfalls eines Hundes - Das ist im Bedarfsfalle die Aufgabe seines Menschen
am anderen Ende der Leine ![]()
Und was passiert nun, wenn wir mal nicht ganz ”aufmerksam” gewesen sind - Nichts von Belang. Harrybo lässt einen Beller an der Leine los, und macht ggf. auch mal den ”Max”. Selbst im leinenfreien Fall wurde zwar der ”Max” präsentiert, jedoch kam es seitens unseres ”Aufpassers” nie zu Körperkontakt. Solche Situationen sind zwar recht imposant, sonst aber auch gar nix, und wir ärgern uns höchstens ob unserer Unaufmerksamkeit. Denn eines ist unbestritten - Im Verhalten eines natürlichen Hundes gibt es keine Zufälle oder Willkür. Seine Körpersprache, d. h. seine nonverbalen Signale, sein Kommentverhalten und natürlich auch seine verbalen Signale, lassen uns ihn ”lesen” wie ein Buch. Wenn man nun noch in einer intensiven Bindung mit diesem Hund lebt, seine aktuellen Lebensumstände kennt, mit seinen individuellen ”Besonderheiten” vertraut ist, so wird dieser Gefährte der anderen Art zum verlässlichen Partner des Menschen, seines Menschen.

Verdiente Rast - Die Ruhe selbst in Tigerfell
Und Eines ist hinsichtlich dieses Misstrauens ebenfalls zu beobachten - Konsequenz in der Handhabung unserer Kontrollmaßnahmen in Verbindung mit den unvermeidlichen täglichen Übungsszenarien draußen in Stadt, Wald, Feld und Flur führen auch hier ganz langsam zu einer steten Besserung in Sachen Misstrauen. Ein sicheres Indiz hierfür ist der Umstand, dass sich einerseits das gelegentliche Kommentverhalten über Anweisungen immer leichter unterbrechen bzw. beenden lässt, andererseits dieses Verhalten immer seltener vorkommt. Und wenn man sich dann noch bewusst macht, dass es jahrelang die Aufgabe unseres Hundes war, an der Kette gehalten, alles und jeden zu verbellen, so schließt sich langsam der Kreis. Spezifische Ketten- Narben am Körper unseres Grünfells sprechen hier eine deutliche Sprache.
Viele gemeinsame Jahre stehen noch vor uns, und warum sollte es uns eigentlich nicht ebenfalls gelingen, auch diese letzten Schatten der finsteren Vergangenheit unseres Harrybos zu vertreiben,
oder?
| Zurück | Nach oben | Weiter |
© 2006-2010 Arne Felden •
Webmaster




